Sechster Vortrag
Nun gab es einmal in der Gesellschaft, wo Bernstein und auch Stepniak waren, einen Streit, wie es solch einen Streit bei Menschen, die sich mit gewissen Emotionen für das große Leben interessieren, leicht geben kann. Man stritt sich über eine Frage, die das Verhältnis der Russen zu den Polen betraf. Man könnte vielleicht darauf wetten in einem solchen Falle, daß der normale Mitteleuropäer sich selbstverständlich zu den Polen hält. Und da gab es denn einen ganz derben Streit. Bernstein und andere waren auf der Seite der Polen, Stepniak nahm die Russen gegen die Polen in Schutz. Es gab einen derben Streit, der dazu führte, daß Stepniak nicht mehr in der Gesellschaft erschien. Durch Jahre hindurch hörte Bernstein nichts von Stepniak. Er, Stepniak, war ganz auseinandergekommen mit den Leuten, mit denen er sonst in der Gesellschaft zusammengewesen war. Eines Tages bekam nach langer Zeit der Bernstein einen Brief, worinnen ihm ein ganz anderer, der nicht zu der Gesellschaft gehörte, schrieb, ob er nicht an einem Abend der nächsten Tage zu ihm kommen möchte; aber er wisse, daß er mit Stepniak nicht gut stünde, daß sie vor längerer Zeit einmal eine Differenz gehabt hätten, und er möge nur kommen, wenn er sich nicht scheute, den Stepniak da zu treffen. Bernstein fand das nicht nur nicht hindernd, sondern er fand es sogar sehr schön, daß er Stepniak treffen könne, und so fanden sie sich dort zusammen. Nun, man könnte ja natürlich zunächst nichts Besonderes darin finden, daß zwei Leute, die sich ganz gern gesehen haben, längere Zeit auseinandergekommen sind, sich nach Jahren wiederfinden, man könnte nichts weiter als einen bloßen Zufall darin finden. Selbstverständlich, das materialistische Denken wird darin einen bloßen Zufall suchen. Nun, so wie der Bernstein die Sache schildert, muß man sagen, daß wirklich das Wiedertreffen an diesem Abend schon zeigt, daß insbesondere dem Stepniak die Sache außerordentlich wichtig war. Die Schilderung der Stimmung ergibt das, daß es Stepniak doch wichtig war, daß er an jenem Abend mit dem Bernstein noch zusammentraf. Sie waren sehr heiter, sehr froh. Und am übernächsten Tage, nachdem Stepniak am vorigen Abend gesagt hatte, nun sei er sehr froh, daß sie sich wiederum gefunden haben, er hoffe vieles mit ihm zusammen zu haben — am übernächsten Tage las der Bernstein in der Zeitung, daß Stepniak tot war. Er ging in einem Buche oder in der Zeitung lesend auf der Straße, ging über eine Eisenbahn, der Zug überfuhr ihn. Es war alles so klar, daß es sich um keinen Selbstmord handeln konnte, und daß man nur an ein Unglück denken konnte. Wiederum ein Zufall. Aber diese Dinge hören auf, sehen Sie, ein bloßer Zufall zu sein. Ich wähle eben ein eklatantes Beispiel, wie man sie im Leben suchen soll, für die nicht ganz offenbaren, die etwas verborgenen Zusammenhänge, in die die Menschen mit ihrem Seelenleben verstrickt sind. Diese Dinge hören auf, ein bloßer Zufall zu sein, wenn man in Erwägung zieht, daß eigentlich unser feineres Seelenleben, das vorzugsweise in Vorstellungen, in etwas gefühlsgefärbten Vorstellungen verläuft, dann, wenn es etwas träumerisch ist, in ganz eminentestem Maße nach der Zukunft hinweist, prophetisch ist. Es ist eigentlich jeder Traum prophetisch. Wenn Sie träumen, träumen Sie eigentlich immer Zukunft, nur können Sie sich über die Zukunft nicht Vorstellungen bilden, und daher tauchen Sie das, was Sie eigentlich über die Zukunft träumen, in die Vorstellungen der Vergangenheit. Die ziehen Sie wie ein Kleid über dasjenige darüber, was eigentlich in Ihrer Seele erlebt wird. Weil das Zukünftige mit dem Vergangenen im Zusammenhang steht, weil da Karma wirkt, ist ein tieferer Zusammenhang zwischen dem, was man für die Zukunft träumt, und dem Kleide, das man anzieht, wenn man sich des Traumes bewußt wird. Das, was man weiß, man kleidet es in Bilder der Vergangenheit, in Bilder, die einem schon bekannt sind. Man träumt ja immer vom Einschlafen bis zum Aufwachen, nur weiß man es nicht; man weiß nur das wenigste. Ist man nun im Leben träumerisch, dann wirkt dieses Träumerische, und wirkt in das Karma hinein. Daher wird derjenige, welcher solch einen geheimnisvollen Zusammenhang, wie ich ihn vorgeführt habe, richtig versteht, ich möchte sagen, Karma mit Händen ergreifen können. Gewiß, wäre der Stepniak nicht dieser gefühlsweiche und zugleich träumerische Mensch gewesen, so würde der Zusammenhang zwischen seinem bewußten Leben und der geheimnisvollen Karmaströmung nicht so stark gewirkt haben, daß noch am allerletzten Abend, sozusagen in den letzten Stunden, diese Wirkung, das Zusammentreffen, das ich Ihnen geschildert habe, herbeigeführt hat. Aber je mehr das abstrakte, das alltägliche Vorstellen heruntergeträumt wird, desto mehr Anziehungskräfte besitzt der Mensch dafür, karmische Zusammenhänge herbeizuführen. Ich hoffe, daß Sie diesen feinen Zusammenhang richtig verstehen. Man kann auch im Leben für Dinge, die einem begegnen, unaufmerksam sein. Wäre man aufmerksam gewesen, so hätte man vielleicht unter dem betreffenden Eindruck diese oder jene Handlung vollzogen. Hier liegt das vor, daß der Betreffende, der mehr träumerisch war, nicht im vollen Bewußtsein, aber in diesem träumerischen Bewußtsein, dazu gebracht wird, die Gelegenheit herbeizuziehen, die ihn, bevor er durch die Pforte des Todes geht, noch einmal mit dem anderen zusammenbringt.
Cite:
GA 176/1917-07-10/p023 · edition original