Sechster Vortrag
Immer wieder und wiederum möchte ich sagen: Man möchte so gerne mehr als Worte finden, daß die Menschen der Gegenwart wirklich aus ihrem groben materialistischen Empfinden heraus den Weg fänden zu solchen subtilen Dingen. Denn selbst die Besten in unserer Zeit finden den Weg nicht leicht zu solchen Dingen, wie ich sie jetzt auseinandergesetzt habe. Sie halten das für Phantasie und lachen einen aus, wenn man etwa gar sagen würde: Nun, schön, laß es Phantasie sein, aber die Wesen sind eben so, daß du die Kraft der Phantasie haben mußt, sonst erscheinen sie dir nicht. — Sie lassen sich eben nur herbei, als reale Wesen zu erscheinen, wenn man auch die Kraft der Phantasie hat. Ich sagte, man möchte etwas mehr als Worte haben, um plausibel zu machen, wie notwendig es gerade in der Gegenwart ist, sich auf solche subtilen Vorstellungen einzulassen. Die Vorstellungen sind subtil, aber die Seele wird durch diese subtilen Vorstellungen stark, so stark, daß sie Verständnis für die Wirklichkeit findet, daß sie wirklich tiefer hineinschauen kann in die wirklichen Zusammenhänge, als das Vorstellen hineinschauen kann, das sich nur schulen will an den materialistischen, naturwissenschaftlichen Vorstellungen der Gegenwart. Selbst bei ausgezeichneten Geistern findet man heute, daß das Denken, ich möchte sagen, wirklich verlernt hat, sich in der notwendigen Subtilität zu ergehen. Ich habe Ihnen das letzte Mal wirklich, ich glaube, mit ganz eindringlichen Worten begreiflich gemacht, daß ich Franz Brentano außerordentlich schätze, gerade deshalb, weil er durch sein AristotelesStudium das Denken bei sich zu einer gewissen Subtilität ausgebildet hat. Aber ich sagte: er ist nicht zur Geisteswissenschaft gekommen. Daran war manches schuld, vor allen Dingen aber auch, daß er doch nun jene Subtilität des Denkens nicht gehabt hat, welche man haben muß als erstes, um in die wirkliche geistige Welt hineinzudringen; wenigstens anstreben muß man es. Lesen Sie die letzten Kapitel meiner «Theosophie» oder im zweiten Teil der «Geheimwissenschaft». Da kann man, ich möchte sagen, manchmal die Leute abfassen dabei, wie sie mit dem gegenwärtigen Denken stolpern. Man kann sie abfassen. So kann man auch Brentano abfassen. Ich muß sagen, ich würde es rätselhaft finden, daß ein so feinsinniger Mensch wie der Brentano gewisse Wege nicht gefunden hat, wenn es mir nicht gelänge, solch einen Menschen dann abzufassen an dem Punkte, woran es liegt. Und, man kann ihn an vielen Stellen abfassen, aber ich will eine solche Sache anführen.
Cite:
GA 176/1917-07-10/p032 · edition original