Erster Vortrag
Also stirbt ein Denker wie African Spir, so sind seine Gedanken bei ihm, und es ist nicht möglich für einen anderen, aus sich selbst heraus, so ohne weiteres zu diesen Gedanken zu kommen, welche der betreffende Denker gehegt hat. Daher entsteht für solche Gedanken ein unbewußtes Sehnen, das aber nicht befriedigt werden kann, ein Zustand, der sich so beschreiben läßt: Da sind Menschen, ihre Vorfahren haben einen solchen Denker einsam sterben lassen, um den sie sich nicht gekümmert haben. Der hat Gedanken gehabt, die sich hätten weiterentwickeln sollen, aber er hütet sie, läßt sie nicht unter die Menschen kommen, die Menschen spüren sie als unbestimmte Sehnsucht, sie können nicht zu ihnen kommen; dadurch entsteht viel Unbefriedigendes in solchen Menschen. In manchem Zeitalter, und insbesondere in unserem Zeitalter leben Menschen, zahlreiche Menschen, in unbefriedigter Sehnsucht nach Gedanken, zu denen sie nicht kommen können, weil diese Gedanken von unberücksichtigt gebliebenen Denkern behütet werden. Nun leben wir gerade in einem Zeitalter, wo das in einem hohen Grade der Fall ist, und wo es daher begreiflich ist, daß viel Unbefriedigtes da sein muß, einfach aus dem Grunde, weil im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts solcher Raubbau getrieben worden ist, eine ganze Anzahl hochsinniger Denker gelebt haben, um die sich die Welt nicht gekümmert hat.
Cite:
GA 176/1917-07-31/p015 · edition original