Erster Vortrag
Das aber, sehen Sie, dieses Sichverbinden im Denken mit der geistigen Welt, das liegt unserer Zeit nicht, das flieht sie geradezu. Unsere Zeit tut sich ungeheuer viel zugute auf die Pflege «wahrer Wissenschaft», die nun endlich gekommen ist, nachdem die Menschheit so lange auf einer Kindheitsstufe gestanden hat. Mit dieser wahren Wissenschaft, insbesondere da, wo aus der Naturwissenschaft heraus sich die Wissenschaft zu einer Weltanschauung gestalten soll, ist es zu sonderbaren Dingen gekommen. Mit dem Denken als solchem konnte diese Wissenschaft wirklich nichts Richtiges anfangen, denn sie zergliedert den Menschen, kommt bis zu wunderbaren Anschauungen über den Bau des Gehirns und dergleichen, über die menschlichen Funktionen und so weiter, aber das Denken ist in alle dem nicht drinnen. Daher ist das Denken als solches für diese Wissenschaft nach und nach etwas geworden — oh, man könnte schon sagen: das sie schon selbst wie eine Art Gespenst, vor dem sie sich fürchtet, empfindet. Insbesondere verhaßt sind daher der neueren Wissenschaft solche Denker, die viel gedacht haben, die im Inhalte ihrer Weltanschauung Gedanken haben, wie Hegel, Schelling, Jakob Böhme und andere Mystiker. Ja, die Leute haben gedacht - so sagt sich der moderne Naturforscher -, aber da ist man im Unsicheren. Er fühlt sich so nicht geheuer, wenn er aus der Welt heraus soll, die African Spir eine Scheinwelt, eine Welt der Täuschung nennt. Beim Denken ist es ihm nicht geheuer. Aber nun kann er nicht Wissenschaft begründen, wenn er nicht doch denkt. Das ist eine Zwickmühle. Das hat dazu geführt, daß einer der Herren, der sich ganz besonders als Vertreter moderner Wissenschaftlichkeit fühlte, bei einer Naturforscherversammlung folgenden Ausspruch tat, einen Ausspruch, der geradezu über der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, wenn man dessen Geschichte schreibt, hingeschrieben werden sollte wie eine Art Devise, wie etwas, das viel charakterisiert. Da sagt der Betreffende: Wir Mediziner wollen zugestehen, daß auch die exakte strenge Wissenschaft, wie der gebildete Mensch überhaupt, das Denken nicht völlig entbehren kann. — So im neunzehnten Jahrhundert bei einer ernsten Naturforscherversammlung! Mit Bedauern wird der Satz hingestellt, daß man doch das Denken nicht ganz entbehren kann, nicht als Mediziner, überhaupt nicht als gebildeter Mensch. Also dieses Denken ist eigentlich etwas recht Fatales. Es versetzt einen sogleich, wenn man sich nur ihm nähert, in die Unsicherheit, aber man kann es nicht ganz entbehren!
Cite:
GA 176/1917-07-31/p019 · edition original