Erster Vortrag

GA 176/1917-07-31/p023 ·1917-07-31 · original (original)
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Nehmen Sie folgenden Fall, man könnte diesen Fall ins Tausendfache vermehren: Zwei Menschen reden 1909 in Rußland über die Beziehungen zwischen Rußland und Mitteleuropa, 1909, unmittelbar nach der österreichischen Annexion in Bosnien und der Herzegowina. Das Gespräch fand statt in derselben Zeit, in welcher die Wogen in Rußland ungeheuer hoch gingen, die eigentlich dahin zielten, schon damals, jenen furchtbaren Zustand herbeizuführen, der dann 1914 gekommen ist. Denn es hing ja an einem Faden, so wäre der Krieg, der 1914 ausgebrochen ist, schon 1909 ausgebrochen. An gewissen Kreisen Rußlands hing es wirklich nicht, daß er nicht damals ausgebrochen ist. Diesen Dingen muß man nur trocken ins Antlitz schauen. Zwei Menschen, ein Kroate und ein Russe, redeten also in dieser Zeit über das Verhältnis von Rußland namentlich zu Österreich. Das Gespräch führte dahin, daß der Russe, nachdem die beiden alle Möglichkeiten besprochen hatten, auf eine vernünftige Weise das Verhältnis zwischen Mittel- und Osteuropa zu ordnen, seine Anschauung in die Worte zusammengefaßt hat: Ein Krieg zwischen Rußland und Osterreich-Deutschland wäre nicht nur das Unmenschlichste, sondern auch das Unsinnigste. Diese Worte: Ein Krieg zwischen Rußland und Österreich-Deutschland wäre nicht nur das Unmenschlichste, sondern auch das Unsinnigste waren die Zusammenfassung von vernünftigen Gedanken über die soziale Struktur von Mittel- und Osteuropa. Also nicht etwa bloß aus der Emotion, dem Gefühl, sondern aus der, ich möchte sagen, weisheitsvollen Vernunft heraus gesprochene Worte. Man braucht nur den Namen des Russen zu nennen, der diese Worte 1909 gesprochen hat, um erhärtet zu finden, was vorhin auseinandergesetzt wurde; denn dieser Russe, der den Krieg in der Weise ablehnte — der 1909 nicht anders geworden wäre, als er 1914 geworden ist —, der Russe ist Lwow, derjenige, der dann der erste Ministerpräsident des ersten revolutionären russischen Ministeriums wurde, also derjenige, um den herum alle diese Dinge vorgegangen sind, die das Elend Europas in der Gegenwart ausmachen.

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Cite: GA 176/1917-07-31/p023 · edition original