Erster Vortrag
Der eine Impuls ist der, welcher lebt in solchen Menschen, die hauptsächlich zusammenhängen mit dem Grund und Boden. Wir brauchen ja nur nach dem Osten zu gehen, so finden wir, wie die Menschen da immer mehr und mehr mit dem Grund und Boden zusammenhängen. Gehen wir mehr nach dem Westen, so finden wir mehr jene Verhältnisse entwickelt — der Mitteleuropäer hat ja gerade in dieser Richtung in den letzten Jahrzehnten eine rasend schnelle Entwickelung durchgemacht vom Hängen am Boden zum Emanzipieren vom Boden -, wir kommen immer mehr und mehr in die Verhältnisse des Emanzipierens vom Boden hinein. Die Landmenschen leben mit dem Boden zusammen, die Städter emanzipieren sich vom Boden, die Landmenschen werden Agrarier, die Stadtmenschen werden Industrielle. Agrarier, Industrielle, haben eine ganz andere Bedeutung bekommen in unserem Jahrzehnt als in früheren Zeiten. Ja, es ist schon schwer, wenn man solche Dinge auseinandersetzt, weil man sie verabsolutiert. Das ist aber nicht gemeint, sondern gemeint ist eine Charakteristik der Dinge. Beide Strömungen sind in der Menschheitsentwickelung, und wir alle stehen da mitten drinnen. Denn ob wir dieses oder jenes treiben: nach der einen oder anderen Seite hängen wir mit einer von diesen Menschheitsströmungen zusammen. Beide Strömungen in der Menschheitsentwickelung, gewiß, an sich sind sie gute, aber unter dem Einfluß der Impulse, wie wir sie in der Gegenwart haben, arten sie aus. Der Agrarier artet dazu aus, nicht bis zum Geiste herauf zu wollen, unter dem Geiste drunten zu bleiben, mit dem zu verwachsen, was noch nicht Geist ist, den Geist nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. Der Industriemensch artet nach der anderen Seite aus; er verliert den Zusammenhang mit der Naturhandhabe des Geistes. Er lebt sich hinein in die bloße Abstraktion, in den bloßen abstrakten Begriff, in den verdünnten Begriff. Der Agrarier ist in unserer Zeit in Gefahr zu erstikken, weil die Welt, in die er sich einlebt, zu wenig Geist hat. Der Industrielle ist in der anderen Gefahr: er lebt gewissermaßen wie, wenn ich den physischen Vergleich gebrauchen darf, jemand, der in zu verdünnter Luft lebt. So lebt er in verdünntem Geiste, in abstrahiertem Geiste, in Begriffen, die gar nicht mehr zusammenhängen mit irgendeiner Wirklichkeit.
Cite:
GA 176/1917-07-31/p028 · edition original