{"corpus":"steiner","locus":"GA 176/1917-07-31/p031","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Alle diese Dinge sind ernst, und sie zeigen uns, daß man eigentlich die Gegenwart nur verstehen kann, wenn man aus der Geisteswissenschaft kommende Begriffe zu Hilfe nimmt. Die Menschen müssen miteinander leben, aber sie können nur miteinander leben, wenn sie ihre Einseitigkeiten aneinander abschleifen, wenn sie einen Zusammenhang finden. Gewiß, es muß ebenso Agrarier wie Industrielle geben, aber weil in der Zeit, in der die Evangelien geschrieben sind, dies vorausgesehen worden ist, daß sich die Menschen differenzieren werden, ist mit Bezug auf die Agrarier mehr das Lukas-Evangelium, mit Bezug auf die Industriellen mehr das Matthäus-Evangelium geschrieben worden. Aber wir sollen nicht bloß das Lukas- und nicht bloß das Matthäus-Evangelium, sondern wir sollen sie alle auf uns wirken lassen. Gescheite Leute — wobei ich «gescheit» in Gänsefüßchen setze —, «gescheite Leute» finden Widersprüche zwischen den Evangelien, weil sie nicht darauf achten, unter welchen Gesichtspunkten die Evangelien geschrieben sind, daß zum Beispiel der Schreiber des Lukas-Evangeliums geschrieben hat, indem er in seiner Seele fühlte dasjenige, was gerade im agrarischen Leben sich auslebte, daß der Schreiber des Matthäus-Evangeliums geschrieben hat, indem er in seiner Seele fühlte dasjenige, was gerade in den dem industriellen Leben angehörigen Seelen sich auslebt. Daß sich die Dinge in der Wirklichkeit widersprechen, aber in ihren Widersprüchen sich ergänzen, und daß wir nach Ergänzung suchen müssen, das ist dasjenige, worauf es ankommt. Aber dieses Suchen nach gegenseitiger Ergänzung ist nicht möglich, wenn man in der Einseitigkeit drinnen bleibt. Der Mensch wird sehr bald ähnlich demjenigen, was ihn umgibt, in dem er drinnen lebt, wenn er sich nicht zu verbinden sucht mit dem, was in keinem Einzelnen lebt, und das ist das gemeinschaftliche Geistige, das alle durchdringt, das aber nur wirklich in der Geisteswissenschaft heute gefunden werden kann. Nicht nur, daß es wahr ist, was Hartmann einmal als ein sehr nettes Aperçu gesagt hat: «Wenn man in eine Alpengegend kommt und schaut den Ochsen an und daneben den Bauer, — ein so großer Unterschied ist nicht in der Physiognomie» — das ist radikal ausgedrückt und ist sehr verletzend, aber man weiß, was damit gesagt werden sollte. Auf der anderen Seite tritt dadurch, daß in unserer Zeit die Menschen den Geist so sehr fliehen, eine innige Verwandtschaft ein zwischen der Seelenkonfiguration der einzelnen Menschen und demjenigen, in dem jene Menschen drinnen leben. Derjenige, der das Leben betrachten kann, der weiß ganz genau, wie die Begriffe eines Agrariers aus seinem Umgang mit der Bodenfläche und der Bodenarbeit gewonnen sind, und die Begriffe des Industriellen aus dem Umgang mit der industriellen Arbeit entstanden sind. Wie der Agrarier oder Industrielle über Politik oder Religion denkt: die Begriffe sind agrarische oder industrielle. Die Begriffe der Menschen, die also heute so furchtbar abhängig sind von der äußeren physischen Umgebung, müssen aufgelöst werden in dem, was die Geisteswissenschaft unter die Menschheit ausströmen kann.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Erster Vortrag","site_heading":null,"date":"1917-07-31","location":null,"word_count":465,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/176/1917-07-31/p031","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/176/1917-07-31/p031"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/176/1917-07-31/p031","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}