Dritter Vortrag
Außer den geisteswissenschaftlich erschaubaren Resultaten kann nun schon äußerlich darauf hingewiesen werden, wie eigentlich im menschlichen Atmungsrhythmus etwas ist, wodurch der Mensch noch mehr als durch alles andere ein Mikrokosmos, eine kleine Welt ist. Gerade im Atmen ahmt der Mensch die Vorgänge der großen Welt nach, auch das, was die große Welt mit uns vor hat. Und durchaus wahr ist es: Bei Vorgängen, die kleine Unterschiede haben, beachtet man die Verschiedenheiten nicht sehr genau, man individualisiert nicht; aber in Wahrheit gibt es nicht zwei Menschen, bei denen der Atmungsprozeß völlig gleich verliefe. Alle Menschen sind in bezug auf ihren Atmungsprozeß verschieden, weil jeder Mensch eine anders abgestimmte Saite des Weltenalls ist. Aber was da im Atmungsrhythmus vorgeht, bleibt für den Menschen in seinem jetzigen Erdenzustande unbewußt; oder es wird wenigstens nur in abnormen Zuständen bewußt und nimmt dann die verschiedensten seelisch-krankhaften Erscheinungsformen an. Unser normales Bewußtsein verläuft ja, wie wir wissen, gleichsam oberhalb des Atmungsprozesses; es ist mehr herausgehoben aus dem Makrokosmos. Würden wir statt unseres Gehirnprozesses den Atmungsvorgang zu unserem Erkenntnisprozesse haben, so würden wir in unserem Erkenntnisprozesse ganz anders im Weltenall drinnenstehen. Daß unser Erkenntnisprozeß an das Gehirn gebunden ist, preßt uns gewissermaßen aus dem Zusammenhange heraus, in dem wir sonst normalerweise im Makrokosmos drinnenstehen würden. Wie das Atmungsgeheimnis für den Menschen ein solches ist, darauf haben die religiösen Urkunden, wie ich auch schon angedeutet habe, dadurch hingewiesen, daß sie, wie zum Beispiel die Urkunde des Alten Testaments, aussprechen: Diejenige geistig-göttliche Wesenheit, welche mit der Führung, mit der Leitung des Menschen zu tun habe, habe dem Menschen den Atem eingeblasen, und er sei eine lebendige Seele geworden. Diese Aussage des Alten Testaments ist im Sinne des alten, atavistischen Hellsehens durchaus die Wiedergabe einer wahren Tatsache. Dadurch, daß nun nicht unser Atmungsprozeß die körperliche Grundlage unseres Erkennens darstellt, sondern unser Gehirnprozeß, dadurch war der Mensch mit Bezug auf seinen Intellekt in aller Zeit, die dem Mysterium von Golgatha vorangegangen ist, anders zur Welt gestellt, als er gestellt ist, nachdem das Mysterium von Golgatha geschehen ist. Ich möchte sagen: neben den anderen Pforten, welche sich uns zum Verständnisse des Mysteriums von Golgatha schon aufgetan haben, soll heute eine andere noch betrachtet werden.
Cite:
GA 176/1917-08-14/p004 · edition original