Dritter Vortrag

GA 176/1917-08-14/p017 ·1917-08-14 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Damit hängt es zusammen, daß das Mysterium von Golgatha in Geheimnis gehüllt ist, auch historisch in Geheimnis gehüllt. Es sollte dasjenige historische Ereignis für die Nachwelt des Mysteriums von Golgatha werden, das nicht mit historischen Mitteln gefunden werden kann. Das Christus-Leben so in der Geschichte zu suchen, wie man ein anderes historisches Ereignis sucht, das käme ganz dem Triebe gleich, das Auge zu veranlassen, daß es das Auge selbst sähe. Es liegt in der Wesenheit des Mysteriums von Golgatha, daß der Christus Jesus nicht, wie Sokrates, Plato oder eine andere historische Persönlichkeit durch Dokumente gefunden werden kann, wie sonst historische Dokumente sind. Es liegt in der Wesenheit des Mysteriums von Golgatha, daß die Aufzeichnungen über dasselbe nicht historische sind, sondern daß es Aufzeichnungen inspirierter Menschen sind, von denen man immer mit historischen Mitteln den Beweis erbringen kann, sie seien keine eigentlichen historischen Dokumente. Wir würden in der menschheitlichen Entwickelung in dem Augenblicke geistig krank werden, wo das Mysterium von Golgatha in die Reihe der gewöhnlichen historischen Ereignisse eingereiht werden könnte. Wir würden es dann zwar auch noch nicht in der richtigen Weise sehen, aber wir würden es gleichsam so historisch wahrnehmen, wie wir das Auge wahrnehmen, wenn wir es verletzt haben. Das gesunde Auge sieht die Dinge, sieht nicht sich selbst. Hat das Auge einen Splitter in sich, der da bleibend ist, so sieht es einen schwarzen Raum vor sich und fängt an, sich selbst wahrzunehmen; aber das ist ein krankhaftes Wahrnehmen. So würde ein krankhaftes Wahrnehmen des Mysteriums von Golgatha eintreten, wenn der Mensch nicht in diesem Mysterium von Golgatha etwas hätte, was nicht wahrgenommen werden kann; wodurch man wahrnimmt, das hängt zusammen mit dem Geheimnis von Golgatha. Und das Merkwürdige ist das Folgende: Diese eigentümliche Lage wurde für den Menschen erst durch den Eintritt des Mysteriums von Golgatha gebracht. Im alten atavistischen Hellsehen haben die Menschen, solange der Christus oben in der geistigen Welt war, solange er nicht heruntergestiegen war, gewußt: Er ist da, und Er wird kommen. Daher finden wir merkwürdigerweise ein Bewußtsein von dem kommenden Christus aus unmittelbarer, eigener Erfahrung, wie jede andere Erfahrung ist, in der Prophetie. So lange konnten die Menschen von dem Christus wissen, als er, paradox ausgedrückt, noch nicht gekommen war. In dem Augenblicke aber, als er gekommen war, konnten sie nicht mehr auf dieselbe Weise von ihm wissen. Wie man das Auge erlebt, indem man sieht, so mußte unmittelbar in der Zeit nach dem Mysterium von Golgatha das Christus-Ereignis erlebt werden, nicht historisch gewußt werden.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/176/1917-08-14/p017.json
Cite: GA 176/1917-08-14/p017 · edition original