Dritter Vortrag
Es gibt nichts, was zum Glück, zur Freude, zur Seligkeit entstanden ist, ohne daß es hat entstehen können auf Grundlage des Schmerzes. Und den Schmerz, das Widerstreitende nicht haben wollen, heißt das Schöne, das Große, das Beseligende, das Gute nicht haben wollen. Da dringt man in ein Gebiet ein, wo man nicht mehr denken kann, wie man will, sondern wo man dem unterworfen ist, was in den Mysterien die eherne Notwendigkeit genannt worden ist. So wahr große Harmonie in der Welt ist, so wahr diese jetzige Harmonie auf Grundlage des Schmerzes entstehen mußte, so wahr ist es, daß man nicht aus einer schmerzlosen seelischen Wollust heraus, wie man sie in den Vorstellungskomplexen von «In Harmonie mit dem Unendlichen» empfinden will, den Christus-Impuls erreichen kann, sondern nur indem man sich mutig dem Widerstreit aussetzt, der sich auf dem Boden unseres Intellektes oder unseres Bewußtseins überhaupt zwischen dem Christus-Impuls und den ahrimanischen Impulsen abspielt, über den wir uns nicht leichtsinnig hinwegheben dürfen, indem wir sagen: wenn wir nicht Harmonie haben, sind wir unbefriedigt, müssen wir uns über diesen Widerstreit hinweg nach der Erreichung des Christus-Impulses hin entwickeln. Das tritt in den mannigfaltigen Gebieten ganz im Konkreten auf. Wenn der Mensch heute auf naturwissenschaftliche Weise die Welt begreifen will und dabei nicht den Christus-Impuls finden kann, und wenn er auf der anderen Seite auf geisteswissenschaftliche Weise die Welt begreifen lernt und dabei den Christus-Impuls finden kann, so muß er sich klar sein: widerstreitend ist es, aber gerade in seinem Widerstreit zusammenstimmend. Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft sollen nicht eines sein, wie viele glauben, wo es nur auf Naturwissenschaft und nur auf Geisteswissenschaft ankommt. Sie sollen auch nicht so sein, daß man eines über das andere legen kann; sondern sie sollen, wenn man sie übereinanderlegen will, so sein, wie das linke und das rechte Ohr, die auch nicht vollständig zur Deckung gebracht werden können. Nicht darauf, ob zwei Dinge in Übereinstimmung miteinander gebracht werden können, kommt es an, sondern auf die Art des Zusammenstimmens.
Cite:
GA 176/1917-08-14/p026 · edition original