Sechster Vortrag
In einer Zeit wie der unsrigen darf man vor allen Dingen nicht verwechseln die Wirklichkeit des geistigen Lebens und das Verständnis, welches die Menschen diesem geistigen Leben entgegenbringen. Es ist ja zweifellos: Wir leben in einer Zeit, in welcher das menschliche Verständnis und auch das menschliche Gebaren vom Materialismus ergriffen ist. Aber man darf nicht glauben, daß in dieser Zeit des Materialismus die geistigen Einflüsse etwa nicht vorhanden seien, daß gewissermaßen der Geist nicht da sei in seiner Wirksamkeit; das wäre falsch. Man kann sogar, so sonderbar der Ausspruch klingt, in unserer Zeit reichlich geistige Wirkungen, rein geistige Wirkungen im Menschenleben wahrnehmen. Sie treten überall auf, sie sind da. Und sie treten so auf, daß man nicht sagen kann, sie würden dort, wo sie auftreten, nicht gesehen oder sie wären dort nicht wirksam. So ist es nicht. Vielmehr ist es so, daß der brutale Wille der materialistischen Weltanschauungen gerade über dasjenige, was sich zeigt, was da ist, einfach zur Tagesordnung übergeht. Wenn man heute beobachtet, wie sich die Menschen zum Geiste verhalten, wie sie sich verhalten, wenn geistige Wirksamkeiten von irgend jemandem geltend gemacht werden, dann wird man immer an einen merkwürdigen Zwischenfall erinnert, der sich schon vor vielen Jahrzehnten in einer mitteleuropäischen Großstadt ereignet hat. Da war in einer wichtigen Sitzung einer wichtigen Körperschaft davon die Rede, wie auf gewisse Finanzgebarungen moralische Versumpftheit, niedrige moralische Anschauungen einen bösen Einfluß genommen haben. Da war selbstverständlich eine große Partei in dieser erlauchten, erleuchteten Körperschaft, welche Finanzfragen eben nur vom finanztechnischen Standpunkte aus betrachtet wissen wollte. Aber eine andere Minorität — es sind ja meistens Minoritäten — war auch vorhanden, welche die moralische Korruption hervorhob. Und ein Minister erhob sich und schob einfach dieses ganze Einmischen ungehöriger Begriffe hinweg, indem er sagte: Aber meine Herren, die Moral steht doch nicht auf der Tagesordnung! — So etwa, möchte man sagen, verhält sich heute ein großer Teil der Menschen, wenn die Rede auf spirituelle Erscheinungen, auf spirituelle Einflüsse kommt: Aber meine Herren, der Geist steht doch nicht auf der Tagesordnung! — Er steht nämlich nicht auf der Tagesordnung dort, wo verhandelt wird. Aber vielleicht treffen gerade die Verhandlungen nicht immer die Wirklichkeit; vielleicht ist gerade der Geist da, er wird aber nur nicht auf die Tagesordnung dort gesetzt, wo man über die Angelegenheiten der Menschheit redet.
Cite:
GA 176/1917-09-04/p003 · edition original