Sechster Vortrag
Man wird in der Zukunft gewiß über die Ereignisse der Jahre 1914, 1915, 1916, 1917 schreiben. Man wird mancherlei schreiben in dem Sinne, wie Geschichtsschreiber eben schreiben. Man wird über die Ursachen dieses furchtbaren Weltkrieges schreiben, man wird nach allen Seiten die Dokumente durchstöbern, die sich in allen möglichen Archiven finden, und wird versuchen, aus diesen Dokumenten heraus eine plausible Geschichte, vielleicht des Jahres 1914, in bezug auf die europäischen Ereignisse zu schreiben. Das Wichtige, was wir bei einer solchen Sache einsehen müssen, ist dies, daß alle Dokumentenforschung, daß alle Berichterstattung, die nach dem Muster der historischen Forschung bis zur Gegenwart angeregt ist, nicht ausreichen wird, um die Ursachen dieses ungeheuren Weltereignisses klarzulegen. Denn unter den wichtigsten Ursachen werden solche sein, die ihrer Natur nach auf äußeren Dokumenten, die man mit Tinte oder Druckerschwärze fabriziert, eben nicht aufgezeichnet worden sind, sondern die, weil sie eben wiederum heute nicht «an der Tagesordnung» sind, gewissermaßen abgeleugnet werden. In diesen Tagen lasen Sie gewiß die Berichte über jene russische Gerichtsverhandlung, bei welcher der russische Kriegsminister Suchomlinoff, der damalige Generalstabschef und andere Persönlichkeiten bedeutsame Aussagen gemacht haben. Über diese Aussagen sind viele Leute entrüstet; bei diesen Aussagen fällt vielen Leuten ein, daß man ja darob sich stark moralisch entrüsten kann, darüber zum Beispiel, daß Suchomlinoff den Zaren angelogen hat, oder daß der russische Generalstabschef, als er den Mobilisationsbefehl noch in der Tasche hatte, dem deutschen Militärattache das feste Versprechen abgab, daß dieser Befehl noch nicht erlassen sei, weil er ihn erst nach wenigen Minuten an die betreffenden Stellen weitergeben wollte. Gewiß, darüber kann man sich entrüsten, darüber kann allerlei Moralisches deklamiert werden. Aber gelogen wird nun einmal heute so viel, daß es den Weltenkenner eigentlich nicht wundern sollte, daß an einer wichtigen Stelle einmal recht saftig gelogen worden ist. Dies jedoch und was die Leute darüber reden, ist nicht die Hauptsache. Etwas anderes ist die Hauptsache. Wenn man nämlich diesen ganzen Prozeß durchliest, findet man sogar merkwürdige Worte, die handgreiflich auf das hindeuten, worum es sich handelt. Suchomlinoff erzählt geradezu, daß er, als diese Sachen sich abspielten, für eine Zeitlang den Verstand verloren hat. Er sagte geradezu: «Ich hatte darüber den Verstand verloren.» — Das ganze Hin und Her hatte ihn um den Verstand gebracht. Und damals waren nicht wenige Leute in einer solchen Lage.
Cite:
GA 176/1917-09-04/p008 · edition original