Sechster Vortrag
Indem er auf die Hierarchien, die hinter der Sinneswelt leben, nicht eingehen will, sondern nur den Seelenzustand charakterisieren will, verdunkelt nun schon Ahriman sein Verständnis für die geistige Welt. Die soll das große Unbekannte sein, das Irrationale, und das eigentlich Religiöse liegt, wie er sagt, im Mysterium tremendum, im Mysterium des Fürchtens, im Mysterium der Scheu. Aber das ist nicht das einzige. Nach außen paßt Ahriman auf, wenn man die geistige Welt finden will, nach innen paßt Luzifer auf. Der moderne Theologe jedoch, den ich meine, sucht auch nach innen wieder nicht nach den Hierarchien. Da muß die Welt der Hierarchien wieder das große Unbekannte bleiben, das er nur ja nicht zu etwas Bekanntem machen will. Aber die innere Seelenverfassung soll untersucht werden; das muß nun das Entgegengesetzte von dem sein, was das Mysterium der Furcht ist: das ist das Mysterium des Faszinierens. Da werden wir angezogen, fasziniert. Nun hat er auf der einen Seite das Mysterium der Scheu, auf der anderen Seite das Mysterium des Faszinierens; daraus setzt er das religiöse Leben zusammen. Es finden sich nun selbstverständlich heute Kritiker, welche das als den besonderen Fortschritt der Menschheit auf diesem Gebiete empfehlen, daß nun die theologische Betrachtung endlich davon abkomme, von geistigen Wesenheiten zu sprechen, daß sie nicht mehr von dem Rationalen, sondern von dem Irrationalen spreche, von dem Mysterium des Faszinierens und von dem Mysterium der Scheu, von dem zweifachen Sichhinwenden auf ein Unbekanntes. Es wird ja bestimmt das Buch des Breslauer Universitätsprofessors Otto: «Über das Heilige» ein sehr berühmtes Buch in der Gegenwart werden, dieses Buch über das Heilige, welches das ganze religiöse Leben entrationalisieren will, aber nicht nur dies, sondern auch entkonkretisieren und alles bestimmte Fühlen ausmerzen will, auf der einen Seite aus der Scheu vor dem Unbekannten und auf der anderen Seite aus dem Erfülltsein von dem Fasziniertsein durch das Unbekannte. Diese ganze Betrachtung des religiösen Lebens wird besonderes Aufsehen machen. Man wird sagen: Endlich sind wir über die alte Art hinaus, etwas über die geistige Welt aussagen zu wollen.
Cite:
GA 176/1917-09-04/p016 · edition original