{"corpus":"steiner","locus":"GA 176/1917-09-04/p020","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Kant hat gesagt: Die Welt ist unsere Erscheinung, und wenn wir uns Vorstellungen von der Welt machen, so sind sie nach unserer Organisation gebildet. — Mit diesem Kantianismus ist, wie ich, nicht aus persönlicher Albernheit, sondern aus sachlichen Gründen hervorheben darf, am intensivsten erst im Fundament in meiner Schrift «Wahrheit und Wissenschaft» und in meiner «Philosophie der Freiheit» gebrochen. Diese beiden Schriften gehen davon aus, daß wir dann, wenn wir uns Begriffe über die Welt bilden und aus der Seele herausarbeiten, uns nicht von der Wirklichkeit entfernen, sondern daß wir in einen physischen Leib hineingeboren werden, damit wir durch Augen die Welt ansehen, damit wir durch Ohren die Dinge anhören und so weiter. Was uns die Sinne zeigen, ist nicht die ganze, das ist nur die halbe Wirklichkeit. Ich habe das noch einmal in meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie» unterstrichen. Gerade dadurch, daß wir in einer bestimmten Weise organisiert sind, ist die Welt nur in einer gewissen Beziehung, wie die Orientalen sagen, Schein, Maja. Und dadurch, daß wir uns Vorstellungen über die Welt bilden, kommt es, daß wir im Gedanken das hinzufügen, was wir unterdrückt haben, indem wir in den Leib hineingegangen sind. So ist das wahre Verhältnis zwischen Wahrheit und Wissenschaft. Wirkliche Wissenschaft ist Ergänzung des Scheines zur vollen Wirklichkeit. Und von dieser Idee ausgehend, daß die Welt in ihrer ersten Gestalt, wie sie den Sinnen vorliegt, durch uns — nicht durch sich - uns unwirklich erscheint, und daß wir diese Gestalt der Welt, die durch uns eine unwirkliche ist, im subjektiven Arbeiten zur Wirklichkeit machen, darf ich diesen Gedanken den paulinischen Gedanken auf dem Gebiete der Erkenntnistheorie nennen.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Sechster Vortrag","site_heading":null,"date":"1917-09-04","location":null,"word_count":271,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/176/1917-09-04/p020","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/176/1917-09-04/p020"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/176/1917-09-04/p020","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}