Siebenter Vortrag
Es hat einmal jemand ein Buch geschrieben, in welchem alle Widersprüche, die sich bei Luther in seinen verschiedenen Schriften finden, zusammengefaßt sind. Es gibt ein solches Buch, in dem man die Widersprüche in den Lutherschen Schriften finden kann. Luther hat das Buch selbst noch gelesen, und er hat darauf eine Antwort geschrieben, die in einem Briefe an Melanchthon enthalten ist. Er meint da: Solch ein Esel redet nur deshalb von Widersprüchen, weil er weder das eine noch das andere Teil vom Widerspruche versteht, und er versteht auch nicht, daß man einen, der dabei auch ein Fürst ist, verehren und zu gleicher Zeit vom Teufel sprechen kann und sich gegen ihn auflehnen. — Die Stelle, wo Luther in seinem Briefe an Melanchthon darüber redet, ist sehr interessant; es spricht sich darin seine Stellung seiner Zeit gegenüber aus. Er gebraucht ja auch noch andere Ausdrücke, welche heute manchmal nicht wiederholt werden können, die aber vollständig verständlich sind und nicht, wie die Literarhistoriker sagen, aus der Zeit heraus nur zu begreifen sind, sondern die vollständig verständlich sind aus dem Umgang mit der geistigen Welt, wie Luther ihn hatte. Wer Luthers Ausdrücke zynisch oder frivol nennt, der tut dies nur aus seiner eigenen Frivolität oder seinem eigenen Zynismus heraus. Worauf es ankommt, das ist, daß man aus solchen Dingen einmal erkennt, daß sich zwar Einzelnes wiederholt, aber das Große wiederholt sich nicht. Der Unfug wiederholt sich, denn der ist der Zeit unterworfen. Das Große wiederholt sich nicht. Und auch zur Scholastik werden sich die Menschen erst wieder stellen können, wenn sie an der Scholastik wieder studieren werden, wie ein anderes, feineres, besonders feiner ausgegliedertes Denken möglich ist, als man es heute pflegt. Und besonders ein solcher Geist, wie er in Luther aufgetaucht ist, kann sich nicht wiederholen. Er muß als historische Erscheinung, unmittelbar wie er dasteht, genommen werden. Falsch ist es zu glauben, daß irgend jemand Luther nachleben kann. Sondern worauf es ankommt, ist, daß man sich in ihn vertieft, daß man versucht, an seiner historischen Persönlichkeit zu studieren, was sich da einmal abgespielt hat, wie nicht nur diese eine Individualität Luther, die in jenen vorbereitenden Mysterien vor dem Christentum zu finden ist, nachher in einer anderen Inkarnation gelebt hat und dann später als Luther erschienen ist, da ist, sondern daß sich in der Tat der ganze Entwickelungs- und Gesetzesgang der Menschheit in dieser einen Erscheinung ausspricht.
Cite:
GA 176/1917-09-11/p021 · edition original