Neunter Vortrag

GA 176/1917-09-25/p006 ·1917-09-25 · original (original)
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Nun ist neulich in einer Zeitschrift, die zwar «Die Glocke» heißt, aber manchmal auch nicht sehr gescheit tönt, die jetzt während des Krieges begründet worden ist, gerade über diese Diskrepanz zwischen der intellektuellen und der moralischen Entwickelung ein Aufsatz erschienen. Da wird nach der Gesinnung dieser tönenden Glocke alles, was an Diskrepanz herrscht zwischen der intellektuellen und der moralischen Entwickelung, darauf zurückgeführt, daß die intellektuelle Entwickelung bisher abgelaufen wäre im Zeichen des Kapitalismus, im Zeichen des Herrschertums einzelner, und daß die moralische Entwickelung erst kommen könne, wenn der Sozialismus eintrete. Nun, Idealisten gründen Weltanschauungen, um sie gipfeln zu lassen in dem Dogma: Auf der Erde wird ein Paradies sein, wenn einmal der Idealismus überhand nimmt. Materialisten gründen Weltanschauungen, die in dem Dogma gipfeln: Auf der Erde wird ein Paradies sein, wenn einmal der Materialismus allgemein herrschen wird. Im Zeitalter des Liberalismus hat man Weltanschauungen gegründet, die das Paradies in der allgemeinen Verwirklichung des Liberalismus versprochen haben; der Sozialismus sieht selbstverständlich das Paradies in der Verwirklichung des Sozialismus. Diese Dinge sind ja außerordentlich einfach, aber sie sind natürlich ebensoviele banale Illusionen; sie zeigen, daß zwar die Menschen heute mit der Nase auf die Probleme gestoßen werden, daß sie aber nicht in der Lage sind, die Unbequemlichkeit auf sich zu nehmen, wirklich durch Denken, und um Denken handelt es sich zunächst, in das Gebiet des geistigen Erlebens einzudringen. Wer wirklich denken will, kann nämlich schon eindringen in das Gebiet des geistigen Erlebens.

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Cite: GA 176/1917-09-25/p006 · edition original