Achter Vortrag
Sie werden aus den gestrigen Betrachtungen entnommen haben, daß man sich in der Gegenwart immer mehr und mehr bekanntmachen muß mit dem Gegensatz zwischen dem abstrakten, dem rein intellektuellen Denken und dem wirklichkeitsgemäßen Denken, dem Sich-Hineinstellen mit seinem Denken in die Wirklichkeit. Mit Bezug auf unser Denken streben wir ja ganz selbstverständlich immer nach einer gewissen Widerspruchslosigkeit. Aber die Welt ist voller Widersprüche, so daß wir, wenn wir wirklich die Wirklichkeit erfassen wollen, nicht eine allgemeine Denkschablone gewissermaßen wie ein Netz über alles werfen können, um es zu verstehen. Wir müssen individualisieren, wir müssen auf das einzelne eingehen. Das ist der größte Mangel und auch der größte Schaden unserer Zeit, daß die Menschen in Abstraktheit geradezu aufgehen. Dadurch entfernen sie sich von der wahren Wirklichkeit.
Cite:
GA 177/1917-10-13/p003 · edition original