Achter Vortrag
Das bedeutsamste Charakteristikon vieler Begriffe der Gegenwart ist die Armut dieser Begriffe. Die Menschen sind heute - ich habe das ja oft hervorgehoben - bequem, sie wollen möglichst überschauliche Begriffe. Dadurch aber werden diese Begriffe auch furchtbar arm. Ja, mit solchen armen Begriffen kommt man aus gegenüber jener oberflächlichen Natur oder jener Naturoberfläche, welche die Gegenwart, trotz aller Fortschritte, allein ins Auge faßt. Trotzdem so Großartiges in bezug auf die Naturerscheinungen in den letzten Zeiten zutagegetreten ist — die Begriffe, mit denen man diese Naturerscheinungen zu verstehen sucht, sind verhältnismäßig arm. Aber diese Sehnsucht nach armen Begriffen, nach Begriffen von geringem Inhalt, hat sich auch übertragen auf alle Weltanschauungen. So sehen wir heute Philosophen auftauchen, welche eine förmliche Sehnsucht haben nach armen Begriffen. Da werden immer wiederum die ärmsten Begriffe, das heißt die inhaltsärmsten Begriffe herumgekollert. Diese Begriffe sind manchmal recht anspruchsvoll, aber sie werden nicht ausgefüllt mit einem schwergewichtigen Inhalt. Besonders reich ist ja unsere Gegenwartsphilosophie immer an solchen Begriffen wie das «Ewige», das «Unendliche», die «Einheit», das «Bedeutungsvolle» gegenüber dem Unbedeutenden, das «Allgemeine», das «Individuelle» und so weiter. Mit solchen Begriffen wirtschaftet man ganz besonders gern, mit Begriffen, die möglichst abstrakt sind.
Cite:
GA 177/1917-10-13/p007 · edition original