Achter Vortrag
Ich will Ihnen eine Erscheinung vorführen, die geradezu erschreckend ist: Ein Philosoph der Gegenwart hat sich ausgesprochen darüber, wie man eine Ansicht haben könne, ob dieser Krieg mehr oder weniger lange noch dauern soll. Nicht wahr, eine heute im eminenten Sinne wichtige Frage, aber eine Frage, die entschieden werden muß nach inhaltsvollen, realen, nach lebensvollen Begriffen, die man nicht entscheiden kann mit allgemeinen Abstraktionen von Welt und Zeitlichkeit, von Allgemeinem und Individuellem und so weiter. Mit diesen allgemeinen Philosophierereien läßt sich über solche konkrete Fragen gar nichts ausmachen. Der betreffende Philosoph hat gefunden, wie so viele finden: Es schadet nichts, wenn der Krieg möglichst lange fortgesetzt wird, wenn nur dann, wie man sagt, ein dauernder Friede zustandekommt, wenn nur dann das Paradies auf Erden da ist. — Ich habe das ja verglichen damit, daß man am besten dafür sorgen würde, daß in einem Haushalt kein Geschirr mehr zerschlagen wird, wenn man zuerst alles zerschlägt. So ungefähr ist die Schlußfolgerung derjenigen, die da sagen: Der Krieg muß so lange fortgesetzt werden, bis Aussicht vorhanden ist, daß der Friede ein dauernder ist. — Der betreffende Philosoph hat also seine Philosophie auf diese Frage angewendet, seine Philosophie, die nach seiner Ansicht sich mit den höchsten, das heißt in unserer Zeit abstraktesten Begriffen befaßt. Was hat er da gesagt? Nun denken Sie, er hat gesagt: Was ist es schließlich der Ewigkeit gegenüber, in der ein befriedigender Zustand für die Menschheit hergestellt wird, ob ein paar Tonnen mehr oder weniger organischer Substanz noch auf den Schlachtfeldern zugrundegehen! Was sind ein paar Tonnen organischer Substanz gegenüber dem ewigen Leben, der Menschheitsentwickelung!
Cite:
GA 177/1917-10-13/p009 · edition original