Achter Vortrag

GA 177/1917-10-13/p023 ·1917-10-13 · original (original)
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Aber so ist es nicht, so ist es wirklich nicht. Die Menschheit macht auch da eine Entwickelung durch. Und was ich jetzt über die Gültigkeit des Vergleiches gesagt habe, gilt eigentlich nur für die Zeit seit dem 16. Jahrhundert, denn vor dem 16. Jahrhundert war ja die Erde kein politisch zusammenhängendes Ganzes; das heißt, seit jener Zeit hat sie sich erst als ein zusammenhängendes politisches Ganzes ausgebildet. Amerika, die westliche Halbkugel, war ja gar nicht da für ein politisches Leben, das in sich zusammenhängend gewesen wäre. Und so bekommen Sie gleich, indem Sie diesen Vergleich in der richtigen Weise anstellen, auch einen Hinblick auf jenen bedeutungsvollen Einschnitt, der da ist zwischen dem neueren Leben und dem alten Leben. Kommt man mit wirklichkeitsgemäßen Einsichten, dann sind diese Einsichten immer fruchtbar, während die nicht wirklichkeitsgemäßen Begriffe steril und unfruchtbar sind. Jede wirklichkeitsgemäße Einsicht führt einen eben weiter. Man erfährt noch mehr durch sie, als sie selbst enthält; sie trägt einen durch die Wirklichkeit. Das ist das Wichtige, das muß man durchaus ins Auge fassen. Denn abstrakte Begriffe, die sind so, daß wir sie fassen; aber draußen ist die Wirklichkeit, die kümmert sich gar nicht um diesen abstrakten Begriff. Faßt man einen wirklichkeitsgemäßen Begriff, so hat man in dem Begriff drinnen das ganze innere rege Leben, das draußen auch ist, das draußen die Wirklichkeit durchwurlt und durchwirlt. Das ist den Leuten unbequem in der Gegenwart. Sie möchten möglichst farblose, ruhige Begriffe haben. Sie fürchten, den Drehkater zu bekommen, wenn ihre Begriffe innerliches Leben haben. Aber diese innerlich leblosen Begriffe haben den Nachteil, daß die Wirklichkeit ringsherum vor uns ablaufen kann, ohne daß man eigentlich das Wesentlichste an dieser Wirklichkeit sieht. Die Wirklichkeit ist nämlich auch voller Begriffe, auch voller Ideen. Das ist wahr, was ich vor einigen Tagen hier gesagt habe: daß draußen das elementarische Leben fließt und dieses elementarische Leben von Begriffen, von Vorstellungen durchsetzt ist — das ist wahr. Aber die abstrakten Begriffe sind bloß Begriffsleichen, habe ich gesagt. Und dann kann es vorkommen, wenn man bloß Begriffsleichen liebt, daß man in diesen Begriffsleichen redet und denkt, und die Wirklichkeit zieht ganz andere Schlußfolgerungen; ganz andere Geschehnisse läßt sie ablaufen als diejenigen, in die unsere Begriffe hineinkommen können.

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