Achter Vortrag
Man darf natürlich nicht zu stark die Worte pressen, denn dieses Pressen der Worte schon führt heute zu vielen Mißverständnissen. Man könnte zum Beispiel glauben, daß ich das amerikanische Volk oder die anglo-amerikanische Rasse treffen wollte, wenn ich von Wilsonianismus oder Lloyd-Georgeanismus spreche. Das ist aber ganz und gar nicht der Fall. Ich sage absichtlich Wilsonianismus, weil damit etwas ganz Spezifisches gemeint ist. Aber ich bin weit davon entfernt, damit etwas zu meinen, wofür Sie ohne weiteres den Begriff Amerikanismus brauchen können. Da muß man wiederum ein bißchen stark die Wirklichkeit ins Auge fassen. Ein Teil der Tiraden, die in der letzten Zeit von Mr. Wilson gekommen sind, sind gar nicht einmal auf amerikanischem Boden gewachsen. Man kann gar nicht einmal Wilson das Lob zuerkennen, daß seine Tiraden ganz originell sind. Sie sind ja nichts wert, sie sind unwahr; aber sie sind nicht einmal ganz originell. Denn es liegt die merkwürdige Tatsache vor, daß von einem Berliner Schriftsteller geistreiche Artikel geschrieben worden sind, nur just nicht Artikel, die im Sinne der deutschen Weltauffassung sind, Artikel, die Wilsonianismus ohne Wilson waren, sehr scharfsinnige Artikel. Diese Artikel haben Glück gemacht, allerdings nicht gerade in Deutschland, aber im amerikanischen Kongreß, denn sie sind gesammelt worden, und Sie finden sie eingeheftet durch viele Seiten hindurch in den Kongreßakten des amerikanischen Kongresses; sie sind nämlich in den Verhandlungen des amerikanischen Kongresses verlesen worden, und manche von den neueren Tiraden des Herrn Wilson sind diesen Seiten entnommen. Manches von dem, was Herr Wilson fabriziert gegen Mitteleuropa, hat diesen Ursprung. Es ist also nicht einmal originell. Es wird immerhin eine ganz interessante, humoristische Tatsache der zukünftigen Geschichtsschreibung sein, wenn man in den Akten über die Verhandlungen des amerikanischen Kongresses findet: Die Herren haben eine Zeitlang verzichtet, ihre eigenen erleuchteten Ideen vorzubringen, und vorgelesen die Artikel eines Berliner Schriftstellers, diese dann eingeheftet in die Kongreßakten und darauf «amerikanische Kongreßakten» geschrieben.
Cite:
GA 177/1917-10-13/p030 · edition original