Individuelle Geistwesen und einheitlicher Weltengrund I
Ich möchte nur noch eine Vorstellung zu den Dingen hinzufügen. Erstens haben Sie aus der Auseinandersetzung gesehen, welch gewaltiger Unterschied zwischen Westen und Osten in der Menschheitsentwickelung ist. Zweitens bitte ich Sie, noch das Folgende zu berücksichtigen. Sehen Sie, der Psychoanalytiker redet vom Unterbewußten, vom unterbewußten Seelenleben und so weiter. Ja, darauf kommt es nicht an, mit einem solchen unbestimmten Begriff von den Dingen zu reden, sondern darauf kommt es an, zu erfassen: Was ist denn da nun eigentlich jenseits der Schwelle des Bewußtseins? Was gibt es denn da? Es ist gewiß sehr vieles da unten unter der Schwelle des Bewußtseins. Für sich ist es aber sehr bewußt, was da drunten ist. Aber man muß darauf kommen, was da für bewußte Geistigkeit jenseits der Schwelle des Bewußtseins ist. Man muß von bewußter Geistigkeit jenseits der Schwelle des Bewußtseins reden, nicht von unbewußtem Geistigen. Ja, da muß man sich klar sein darüber, daß der Mensch vieles hat, wovon er nichts weiß im gewöhnlichen Bewußtsein. Es wäre auch schlimm um den Menschen bestellt, wenn er im gewöhnlichen Bewußtsein von allem wissen müßte, was in ihm vorgeht. Denken Sie sich, wie er sich eigentlich sein Essen und Trinken einrichten müßte, wenn er genau die Vorgänge kennenzulernen hätte, physiologisch und biologisch, die sich abspielen vom Aufnehmen einer Speise an und so weiter! Das vollzieht sich alles im Unbewußten; dabei sind überall geistige Kräfte wirksam, auch bei diesem nur rein Physiologischen. Aber der Mensch kann nicht warten mit dem Essen und Trinken, nicht wahr, bis er gelernt hat, was da in ihm eigentlich vorgeht. So geht vieles in dem Menschen vor. Es ist für den Menschen schon ein großer Teil, ja der weitaus größte Teil seines Wesens unbewußt, besser gesagt, unterbewußt.
Cite:
GA 178/1917-11-18/p040 · edition original