Vierter Vortrag
Ist der Mensch eingetreten in diese übersinnliche Welt in der Zeit, die zwischen dem Tod und einer neuen Geburt liegt, dann kann man sagen, trotzdem das auch wieder bildlich gesprochen ist, der Mensch befindet sich dann jenseits der Sterne, und die Sterne selbst dienen ihm zu einer Art von Lesen. Also die Sterne dienen dem Menschen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt zu einer Art von Lesen. Machen wir uns das ganz klar, wie das ist. Wie lesen wir, wenn wir hier auf der Erde lesen? Wenn wir hier auf der Erde lesen, haben wir ungefähr zwölf Konsonanten und sieben Vokale mit verschiedenen Nuancen. Diese Buchstaben setzen wir in der mannigfaltigsten Weise zu Worten zusammen. Wir werfen sie durcheinander, die Buchstaben. Stellen Sie sich vor, wie der Setzer im Setzkasten die Dinge durcheinander wirft, damit Worte daraus werden. Aus den bestimmten Buchstaben, die wir haben, werden ja alle Worte. Was für den Menschen, der hier auf dem physischen Plane ist, diese Buchstaben sind, diese ungefähr zwölf Konsonanten und sieben Vokale mit den verschiedenen Nuancen, das sind für den Toten die Fixsterne des Tierkreises und die Planeten. Die Fixsterne des Tierkreises sind die Konsonanten und die Planeten sind die Vokale. Ist man jenseits des Sternenhimmels, dann sieht man peripherisch. Der Mensch sieht zentral, wenn er zwischen der Geburt und dem Tode ist; er hat hier sein Auge, und dann sieht er so ausstrahlend nach verschiedenen Punkten hin. Es ist am schwersten vorzustellen, daß das umgekehrt ist nach dem Tode: da sieht man peripherisch. Man ist eigentlich im Umkreise und man sieht von außen die Sterne des Tierkreises, die Konsonanten, und die Planeten, die Vokale. Und so sieht man von außen herein auf das, was auf der Erde vorgeht. Und je nachdem man irgendeinen Teil seines Wesens belebt, sieht man — Sie müssen sich jetzt das nicht von der Erde aus denken, sondern umgekehrt, auf die Erde herunterschauend — durch den Stier und Mars auf die Erde nieder, oder Sie sehen durch den Stier durch zwischen Mars und Jupiter. Sie lesen, indem Sie als Toter die Erde umkreisen, Sie lesen mit Hilfe des Sternensystems. Nur müssen Sie sich dieses Lesen jetzt etwas anders vorstellen. Nicht wahr, wir könnten auch anders lesen, nur wäre es nicht technisch so bequem eingerichtet wie unser gegenwärtiges Lesesystem. Man könnte auch anders lesen. Man könnte so lesen, daß wir die Buchstaben hintereinander haben: a, b, c, d, e, f, g und so weiter oder nach einem andern System — und statt daß wir sie im Setzkasten um und um werfen, könnten wir so lesen, daß, wenn zum Beispiel «der» gelesen werden soll, ein Lichtstrahl fällt auf das «der»; soll «geht» gelesen werden, fällt ein Lichtstrahl auf «geht». Es könnte also die Reihenfolge der Buchstaben erst da sein, und sie könnten so hintereinander beleuchtet sein. Es wäre technisch nicht so bequem, aber Sie könnten sich immerhin ein Erdenleben vorstellen, in dem das Lesen so bewerkstelligt würde, daß man vor sich nimmt ein Alphabet, und dann gäbe es irgendeine Vorrichtung, durch die immer beleuchtet wird ein Buchstabe; dann liest man hintereinander die Aufeinanderfolge der beleuchteten Buchstaben - und es hat den Goetheschen «Faust» ergeben. Das ist natürlich nicht so ohne weiteres vorzustellen, doch eine Möglichkeit gibt es, sich so es vorzustellen, nicht wahr?
Cite:
GA 179/1917-12-11/p022 · edition original