Fünfter Vortrag
Ist also ein Mensch achtundzwanzig Jahre alt seinem physischen Leibe nach, so ist sein Ich erst sieben Jahre alt. Sie können also nur den Anspruch darauf machen, daß Sie in bezug auf Ihr Ich, was das Eigentliche Ihrer Wesenheit ist, ein viel langsameres Tempo einhalten in der Entwickelung als in bezug auf den physischen Leib. Die Schwierigkeit besteht darinnen, daß man sonst Geschwindigkeiten nur als äußere Geschwindigkeiten auffaßt. Wenn die Dinge nebeneinander hinlaufen, so sagt man: Eines geht schneller und das andere geht langsamer - weil man die Zeit zum Vergleich hat. Aber hier ist die Geschwindigkeit in der Zeit verschieden. Ohne diese Einsicht aber, daß die verschiedenen Glieder der menschlichen Natur verschiedenes Tempo haben zu ihrer Entwickelung, ist es unmöglich, dasjenige einzusehen, was mit der eigentlichen tieferen Wesenheit des Menschen zusammenhängt.
Cite:
GA 179/1917-12-15/p011 · edition original