Fünfter Vortrag
Hier ist der Punkt, wo die Täuschung entsteht in bezug auf die Freiheit des Menschen. Der Mensch ist ein freies Wesen; das ist er schon. Aber nur der wahre Mensch ist ein freies Wesen — jenes Viertel, von dem ich eben gesprochen habe, das ist ein freies Wesen. Die andern drei Viertel, in die spielen andere Wesenheiten herein; die können nicht frei sein. Und dadurch entsteht die Täuschung in bezug auf die Freiheit, daß man immer frägt: Ist der Mensch frei oder ist er nicht frei? Frei ist der Mensch, wenn er diesen Begriff der Freiheit bezieht auf das eine Viertel seines Wesens in dem Sinne, wie ich das jetzt auseinandergeserzt habe. Will der Mensch diese Freiheit als einen eigenen Impuls haben, dann muß er allerdings dieses Viertel in entsprechend selbständiger Weise entwickeln. Im gewöhnlichen Leben kann dieses Viertel nicht zu seinem Rechte kommen, aus dem einfachen Grunde, weil es von den übrigen drei Vierteln überwältigt wird. In den übrigen drei Vierteln wirkt alles dasjenige, was der Mensch in sich trägt als seine Triebe, seine Begierden, seine Affekte, seine Leidenschaften. Die ertöten seine Freiheit, denn durch die Triebe, durch die Affekte, durch die Leidenschaften wirkt dasjenige hindurch, was an Impulsen in der Allgemeinheit ist.
Cite:
GA 179/1917-12-15/p015 · edition original