Fünfter Vortrag
Etwas Ähnliches muß wieder geschaffen werden, wird geschaffen werden, wenn die Impulse der Geisteswissenschaft richtig verstanden werden. Nur werden allerdings die Seelenblicke der Zukunft weniger nach rückwärts als nach vorwärts gerichtet sein. Aber was Inhalt des öffentlichen Unterrichts werden muß, das ist das, was den Menschen zusammenbindet mit dem Werden der Zeit, und damit mit den Impulsen vor allem des Zeitgeistes, des entsprechenden Wesens aus der Hierarchie der Archai, von dem ich in einer früheren Betrachtung gesagt habe, daß ihm ebenso die sogenannten Toten gegenüberstehen wie die Lebendigen. Lernen wird man im öffentlichen Unterricht in der Zukunft, was der Inhalt eines solchen Zeitalters ist wie desjenigen, das mit dem 15. Jahrhundert begonnen und zugleich das griechisch-lateinische Zeitalter abgeschlossen hat; lernen wird man, was das allgemeine Weltenall in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum eigentlich will. Die Impulse dieses fünften nachatlantischen Zeitraums wird man aufnehmen. Man wird wissen: das muß sich realisieren zwischen dem 15. Jahrhundert und einem Jahrhundert in einem folgenden Jahrtausend. Und man wird wissen: man gehört seinem Zeitalter so an, daß durch einen hindurchströmen die Impulse dieses bestehenden Zeitalters. Die Kinder schon werden es in der Zukunft lernen, wie sie Blumen benennen, wie sie Sterne benennen lernen - das tun sie ja heute wieder weniger, aber das ist wenigstens etwas Außerlich-Reales -, so werden sie lernen, die wirklichen geistigen Impulse des Zeitalters aufzunehmen. Dazu müssen sie allerdings erst erzogen werden, dazu muß erst aufhören, dasjenige Geschichte zu heißen, was jetzt als Geschichte erzählt wird. Statt all der Dinge, von denen heute die Geschichte erzählt, wird man in einer nicht zu fernen Zukunft von den geistigen Impulsen, die hinter dem geschichtlichen Werden stehen und die von den Menschen geträumt werden, sprechen. Denn diese geistigen Impulse sind dasjenige, was den Menschen aufruft zur Freiheit und ihn frei macht, weil es ihn erhebt zu der Welt, aus der die Intuitionen, Inspirationen, Imaginationen kommen. Denn dasjenige, was äußerlich auf dem physischen Plane geschieht, was äußerlich Geschichte ist - ich habe das selbst in öffentlichen Vorträgen auseinandergesetzt -, das hat schon seine Bedeutung verloren, wenn es vorüber ist; das hat in Wirklichkeit nicht die Bedeutung, daß man sagen kann: Das Vorhergehende ist immer die Ursache des Nachfolgenden. — Es gibt nichts Unsinnigeres, als Geschichte etwa so zu erzählen, daß man die Taten Napoleons im Beginn des 19. Jahrhunderts erzählt und dann glaubt, dasjenige, was später geschehen ist, nachdem Napoleon verbannt worden ist, sei die Folge desjenigen, was Napoleon zu seiner Zeit getan hat. Nichts Unsinnigeres gibt es als das! Denn das, was man von Napoleon erzählen kann, bedeutet für die Wirklichkeit genau dasselbe, was es für das Leben eines Menschen bedeutet, wenn ich drei Tage nach seinem Tode seinen Leichnam beschreibe. Dasjenige, was jetzt Geschichte genannt wird, ist gegenüber der Wirklichkeit des geschichtlichen Werdens Kadavergeschehen, wenn auch die Erzählung dieses Kadavergeschehens im Bewußtsein mancher Menschen außerordentlich viel bedeutet.
Cite:
GA 179/1917-12-15/p022 · edition original