Fünfter Vortrag
Und durchdringen muß man sich damit: Auf der einen Seite schreitet die Entwickelung so fort, daß allerdings die Ereignisse der Geschichte sich vergleichen lassen mit einem Baum, der wächst; aber wenn sich die Blätter bis zu seiner äußeren Peripherie entwickelt haben, wächst er nicht weiter, da beginnt das Absterben. So ist es mit den geschichtlichen Ereignissen. Bleiben wir bei dem Bilde, das ich in diesen Betrachtungen schon früher gebraucht habe: Es gibt eine ganz bestimmte Summe von geschichtlichen Ereignissen, die haben ihre Wurzeln im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts - davon werde ich dann morgen deutlicher sprechen -, dazu kommen andere Einflüsse im Lauf des 19. Jahrhunderts und so weiter. Und sehen Sie, diese historischen Ereignisse, die breiten sich aus und erreichen äußerste Grenzen (Siehe Zeichnung). Aber jene Grenzen sind nicht so wie bei einem Baum oder bei einer Pflanze, wo es an der Peripherie einfach nicht weiterwächst, sondern es muß eine neue Wurzel geschichtlicher Ereignisse beginnen. Wir leben im eminentesten Sinne seit Jahrzehnten schon in einer Zeit, in der solche neuen geschichtlichen Ereignisse aus unmittelbaren Intuitionen heraus beginnen müssen (rechte Hälfte der Zeichnung). Nur ist es im geschichtlichen Leben der Menschen so, daß auch über diese Dinge leicht Illusionen sich ausbreiten. Sie können ja eine Pflanze, die durch ihr inneres Gesetz bis zu einer gewissen Peripherie wächst, naturgemäß wachsend ansehen nur bis zu dieser Peripherie. Jetzt aber könnten Sie eine Illusion hervorrufen: Sie könnten Drähte anbringen, Papierblätter an die Drähte anhängen und könnten sich der Illusion hingeben, daß dann die Pflanze bis dahin gehe.
Cite:
GA 179/1917-12-15/p028 · edition original