Sechster Vortrag

GA 179/1917-12-16/p027 ·1917-12-16 · original (original)
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Nun, für ein größtes Ereignis im Verlaufe der Menschheitsentwickelung soll gerade die Menschheit in unserem Zeitalter erzogen werden: an Freiheit auch in der historischen Entwickelung zu glauben. An einem bestimmten Punkte des geistigen Lebens soll die Menschheit der Gegenwart mit aller Gewalt darauf gestoßen werden, an Freiheit — und identisch damit ist dann das Wunder — zu glauben. Und dieser Punkt ist in der Auffassung des Christus-Impulses, in der Auffassung des Mysteriums von Golgatha gelegen. Wie die Menschheit zum Mysterium von Golgatha stand, das war ganz anders in früheren Zeiten und war immer mehr anders, je weiter wir zurückgehen in der geschichtlichen Entwickelung. Wir haben öfters davon gesprochen. Heute gibt es nicht in den Menschen - gerade nicht in den im Sinne des Zeitgeistes fortgeschrittensten Menschen — die Möglichkeit, das Ereignis von Golgatha als historisches Ereignis wie andere historische Ereignisse hinzustellen. Ich brauche für Sie das, was hier als Voraussetzung in Betracht kommt, nur anzudeuten: Sie wissen, die Evangelien sind als historische Dokumente in ihrer Bedeutung erschüttert. Nicht in demselben Sinne, wie wir die Dokumente über Sokrates oder Plato oder über Alkibiades oder Cäsar als historische Dokumente nehmen, können wir nach dem, wie heute geschichtlich geforscht wird, die Evangelien als Dokumente ansehen, ebensowenig die andern Dokumente, die im Neuen Testament über das Ereignis von Golgatha vereinigt sind. So wie der Mensch heute über geschichtliches Forschen denkt, so entzieht sich diesem geschichtlichen Forschen die Möglichkeit, die Evangelien als historische Dokumente zu betrachten und aus den Evangelien das Ereignis von Golgatha als ein historisches anzusehen, als ein historisch beweisbares, meine ich, als ein in dem Sinne historisch beweisbares, wie man andere historische Geschehnisse und Tatsachen geschichtlich belegt und geschichtlich beweist. Man kann nicht in demselben Sinne über den Christus Jesus als eine historische Persönlichkeit sprechen, wie man über Karl den Großen nach dem, was man heute historische Quellen nennt, als eine historische Persönlichkeit sprechen kann.

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Cite: GA 179/1917-12-16/p027 · edition original