Sechster Vortrag
Wirklich nicht aus persönlicher Eitelkeit und Albernheit, sondern weil ich eben nur ein konkretes Exempel dabei statuieren will, muß ich bei einer solchen Gelegenheit immer wieder darauf aufmerksam machen, daß ich meine schriftstellerische Laufbahn damit begonnen habe, indem ich nicht meine Meinungen zunächst vertreten habe, sondern alles dasjenige, was ich vertreten habe, in Anknüpfung an Goetheschen Geist publizierte, im bewußten Zurückblicken zu einem Geiste, der schon 1832 in das geistige Reich der sogenannten Toten hinaufgestiegen ist. Aber lesen Sie das, was ich so in Anknüpfung an Goethe in den Zeiten, die meiner «Philosophie der Freiheit» vorangegangen sind, geschrieben habe! Die sogenannten Goethe-Forscher sehen es zumeist daraufhin an, ob es Goethesche Ansichten wiedergibt. Goethesche Ansichten sind diesen Leuten dann gegeben, wenn man ein literarischer Wiederkäuer ist, das heißt, wenn man das, was Goethe in seiner Inkarnation gesagt hat bis 1832, wiederkaut. Ich war immer der Ansicht, daß dasjenige, was Goethe gesagt hat, wirklich nicht von dem oder jenem Schulmeister und auch nicht von mir wiedergesagt zu werden braucht, denn Goethe hat, was er hat sagen wollen, schon selber besser gesagt. Es ist immer besser, wenn die Goetheschen Werke gelesen werden, als die Ansichten der Schulmeister, und wären es selbst so ausgezeichnete Schulmeister und Magister, wie zum Beispiel Lewes mit seiner berühmten Goethe-Biographie ist. Was ich versuchte zu schreiben, ist dasjenige, was auf der Inspiration des nicht mehr auf der Erde weilenden Goethe beruhte: die Fortbildung seiner Ansichten auf einem gewissen Gebiete nach seinem Tode, was geschrieben werden konnte aus einem gewissen Gefühl lebendiger Verbindung mit sogenannten verstorbenen Seelen.
Cite:
GA 179/1917-12-16/p031 · edition original