Sechster Vortrag
Bis zu seinem Lebensende weiß man in der Regel hier als physischer Mensch alles doch nur so weit, als es einem selber persönlich frommt. Recht reif wird das Wissen erst, wenn man gestorben ist. Dann wird es erst so reif, daß es richtig anwendbar ist auf das soziale Leben. Aber man darf nicht glauben, daß nun die Toten wie mit physischen Händen unmittelbar eingreifen sollen, so ungefähr wie Menschen, die hier im physischen Leib leben. Die Toten können besser wissen als die Lebendigen, was sozial zu geschehen hat, aber sie müssen gehört werden von den Menschen, und die ausführenden Organe müssen die hier im Physischen lebenden Menschen sein. Lernen müssen vor allen Dingen die Menschen in der Gegenwart, solche ausführenden Organe zu sein. Aber von solchen - wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, er ist so unangenehm - von solchen «Parlamenten», wo sich die Menschen bestreben werden, die Toten mitreden zu lassen, wird man noch lange nicht hören. Es wird jedoch auf gewissen Gebieten nicht Heil kommen, wenn man nicht die Toten wird mitreden lassen wollen, wenn nicht auch von dieser Seite her das soziale Leben spiritualisiert werden kann. Bevor man sich dem Glauben hingibt, daß die hier auf der Erde errungene, durch die Geburt, Welt und Schulung errungene Weisheit reif für soziale Impulse ist, sollte man sich vertiefen in das, was wirklich reif geworden ist für soziale Impulse: diejenige Weisheit, die schon den physischen Leib abgelegt hat, und die, wenn wir sie wirklich durchforschen, uns erst bedeutsame Perspektiven eröffnet.
Cite:
GA 179/1917-12-16/p036 · edition original