Siebenter Vortrag
Was hier zugrunde liegt, bezeugt aber auch, wie es mit einem Zeitalter aussehen muß, welches sich nicht darauf einlassen will, die Idee der Freiheit im vollsten Umfange zu verstehen. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, das 20. Jahrhundert bis in unsere Zeit, diese Epoche hat es sich geradezu zur Aufgabe gesetzt, auf allen Gebieten des Lebens die Idee der Freiheit immer mehr und mehr für die Erkenntnis zu trüben, für das praktische Leben in Wirklichkeit auszuschalten. Freiheit wollte man nicht verstehen, Freiheit wollte man nicht haben. Die Philosophen haben sich bemüht, zu beweisen, daß alles mit einer gewissen Notwendigkeit aus der menschlichen Natur hervorgeht, Gewiß, der menschlichen Natur liegt eine Notwendigkeit zugrunde, aber diese Notwendigkeit hört auf, indem Abbauprozesse beginnen, in welchen der Zusammenhang der Ursachen sein Ende findet. Wenn Freiheit da eingegriffen hat, wo die Notwendigkeit im Organismus aufhört, dann kann man nicht sagen, daß die Handlungen der Menschen aus der inneren Notwendigkeit hervorgehen; sie gehen dann erst aus ihm hervor, wenn diese Notwendigkeit aufhört. Der ganze Fehler bestand darinnen, daß man sich nicht eingelassen hat darauf, im menschlichen Organismus nicht nur zu verstehen die aufbauenden Prozesse, sondern auch zu verstehen die abbauenden Prozesse. Es wäre aber allerdings nötig, daß man, um das zu erkennen, was eigentlich der menschlichen Natur zugrunde liegt, mehr Begabung entwickele, als die Gegenwart Neigung dazu hat. Wir haben gestern gesehen, daß es notwendig ist, dasjenige wirklich ins Seelenauge fassen zu können, was man als menschliches Ich bezeichnet. Aber es ist gerade in der Gegenwart wenig Talent vorhanden, diese Wirklichkeit des Ich irgendwie zu erfassen. Ich will Ihnen einen Beweis liefern.
Cite:
GA 179/1917-12-17/p010 · edition original