Siebenter Vortrag
Nehmen Sie einmal an: Sie stehen mit Ihrem gesamten Sinnes- und Vorstellungsapparat der Welt gegenüber. Dadurch haben Sie Vorstellungen, Wahrnehmungsinhalte verschiedenster Art. Ich bezeichne das, was in einem Momente Bewußtsein ist, so, daß ich da verschiedene Ringe, kleine Kreise aufzeichne. Das ist in einem Momente im Bewußtsein. Jetzt wissen Sie, findet in anderer Art, als Psychologen heute meinen, aber es findet statt ein Erinnerungsprozeß, wenn Sie zurückschauen; und die Zeit, in die Sie zurückschauen können, indem Sie sich erinnern, die bezeichne ich mit dieser Linie, mit der aber eigentlich dieser Raum gemeint ist, der da blind ausläuft, hier wäre der Punkt im dritten, vierten oder fünften Jahre, bis zu dem man sich im Leben zurückerinnert. Da drinnen liegen also alle die Vorstellungen, die entstehen, wenn man sich an die Erlebnisse zurückerinnert, die man gehabt hat. Nehmen Sie an: Sie haben diese Vorstellungen, sagen wir mit dreiBig Jahren, so erinnern Sie sich, indem diese Vorstellungen vor Ihnen auftauchen, an etwas, das Sie vor zehn Jahren gehabt haben. Wenn Sie sich so recht lebhaft, bildhaft vorstellen, wie das eigentlich ist mit der Seele, so können Sie folgendes denken. Sie können sich sagen: Wenn wir so zurückschauen bis dahin, wo in der Kindheit dasjenige auftaucht, bis wohin wir uns erinnern, so ist das ein seelischer Sack, der ein Ende hat; er hat dort seinen Bogen, wo der Punkt liegt, bis zu dem wir uns in der Kindheit zurückerinnern. Das ist ein solcher Seelensack; das ist die Zeit, die überschaut wird. Stellen Sie sich solch einen seelischen Sack vor,in den Sie so zurück hineinblicken: hier ist die Grenze dieses Sackes, diese Grenze fällt in Wirklichkeit zusammen mit der Grenze zwischen Ätherleib und physischem Leib. Diese Grenze muß da sein, Sie können sich das sehr grob vorstellen: sonst würden nämlich die Vorgänge, welche die Erinnerung herbeiführen, immerfort da durchfallen. Sie würden sich an nichts erinnern können, die Seele wäre ein Sack, der keinen Boden hat, es würde alles durchfallen. Es muß also eine Grenze da sein, es muß ein wirklicher seelischer Sack vorliegen. Dieser seelische Sack aber hindert zu gleicher Zeit, auch dasjenige wahrzunehmen, was man so durchlebt hat, daß es außerhalb liegt. Sie sind sich selbst in Ihrem Seelenleben undurchsichtig, weil Sie Erinnerungen haben. Weil Sie das Vermögen der Erinnerung haben, sind Sie undurchsichtig.
Cite:
GA 179/1917-12-17/p026 · edition original