Intellectuality and Will – The Necessity of New Cognitive Powers

GA 179/1917-12-22/p016 ·1917-12-22 · original (original)
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Aber wie gesagt, gerade der gelehrte Kopf der Gegenwart, wie steht er vor dieser alten Weisheit? So etwa, wie jener Gelehrte, der die Worte gesprochen hat: «Die letzte und wichtigste Operation» von Basilius Valentinus «ist die zehn Monate hindurch allmählich gesteigerte Erhitzung des philosophischen Quecksilbers und Goldes im So Theodor Svedberg in Uppsala, der ein Buch über diese Dinge von dem wissenschaftlichen Standpunkt der Gegenwart geschrieben hat und der in dieser Beziehung nur der Repräsentant all der gelehrten Köpfe ist, die eben sagen müssen: Man vermag leider nicht zu begreifen. - Es ist noch das beste, wenn sie das sagen: Man vermag leider nicht zu begreifen. - Für sie alle hat Basilius Valentinus schon die nötigen abfertigenden Worte selbst hingeschrieben, indem er in seinen «Zwölf Schlüsseln zum Weltenall und dessen Verständnis» schreibt: «Verstehest du jetzo, was ich rede, so hast du mit dem Schlüssel das erste Schloß eröffnet und den Riegel des Anlaufs zurückgetrieben. Kannst du aber noch kein Licht drinnen ergründen, so wird dich auch kein gläsern Gesichte befördern, noch natürliche Augen vermögen zu helfen, das Letzte zu finden, das du im Anfange gemangelt hast. Dann will ich nicht ferner reden von diesem Schlüssel, wie mich Lucius Papirius gelehret hat.» So spricht Basilius Valentinus schon zu all den Nachfahren, die dem alten Weisheitsgut gegenüber höchstens die Worte haben: Man vermag leider nicht zu begreifen. - Aber diese Menschen der Gegenwart haben ja auch etwas anderes zu tun, als das Geistige zu begreifen! Diese Menschen der Gegenwart müssen sich mit allerlei andern Dingen befassen; und wenn vom Geiste irgendwie die Rede ist, so müssen sie sich vor allen Dingen damit befassen, dieses Reden vom Geiste zu verleumden. Und ungeheuer viel Zeit wird heute aufgebraucht dazu, das Reden vom Geiste zu verleumden. Zu dem Berliner Unsinn des Max Dessoir kann noch hinzugefügt werden - ich habe das Geschreibsel noch nicht selbst lesen können, aber es ist mir einiges erzählt worden - das holländische Konterfei des Philosophen Bolland, der sich ja einige Verdienste für die philosophische Entwickelung dadurch erworben hat, daß er durch sein Nachreden Hartmannscher und Hegelscher Brocken die philosophische Jugend Hollands in Begeisterung versetzt hat, aber auch, wie es scheint, nicht umhin konnte, in der letzten Zeit seine philosophische Unproduktivität dazu zu verwenden, unsere Geisteswissenschaft durch allerlei unwahres Zeug zu verleumden. Das muß immer wieder und wiederum hervorgehoben werden, denn es gehört schon zum wirklichen Aufnehmen der Geisteswissenschaft in unsere Seele auch die Aufmerksamkeit auf die Art und Weise, wie die Gegenwart in ihrer geisteswissenschaftlichen Impotenz sich verhält zu dem, was der Menschheit notwendig ist. Diese gegenwärtige Wissenschaft - ich spreche da nicht von der äußeren Wissenschaft, die ich, wie Sie wissen, voll anerkenne, wenn ich auch nicht jedem Naturforscher nachlaufe —, aber das, was vielfach sich Philosophie und dergleichen nennt, ist in der Gegenwart nicht viel mehr als abstraktes Gerede, welches in der völligen Verwirrung über die Begriffe von Kürbis und Flasche geführt wird. Leider geschieht es bei uns auch noch viel zu häufig, daß wir immer wieder und wieder auf das unsinnige Gerede namentlich der gegenwärtigen Philosophen hineinfallen und sogar zuweilen froh sind, wenn da oder dort irgendein philosophischer Knopf dies oder jenes, sagen wir, nicht zu tadeln findet an dem, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft will. Als ob das nicht, wenn er es nicht zu tadeln findet, mindestens seine Pflicht und Schuldigkeit wäre! Wir brauchen uns gar nicht zu freuen, so wie es viele unter uns tun, wenn von dieser oder jener Seite einmal auch ein lobendes Wörtchen abfällt. Auch diese lobenden Wörtchen sind ja zumeist nicht gerade von einem großen Verständnisse getragen. Aber wir müssen uns gefaßt machen darauf, daß solche Verleumder von der Sorte Dessoirs oder Bollands immer wieder und wieder auftreten werden, und daß sie sich in der nächsten Zeit gar sich vermehren werden. Denn sie müssen sich doch mit etwas beschäftigen, diese Leute! Und da sie viel zu bequem sind, einzugehen auf das, was aus der geistigen Welt zum Heile der Menschheit im gegenwärtigen Zeitalter geholt werden muß, so müssen sie sich damit beschäftigen, das, was geholt wird, zu verleumden. Basilius Valentinus, sagte ich, bot noch ein uraltes, atavistisch überkommenes Erbgut, eine Wissenschaft von der Art, wie der Mensch herausgeschaffen wird aus dem kosmischen All, wie sie vor allen Dingen die Wissenschaft der vom Leibe befreiten Seele ist, wie aber auch sein muß die Wissenschaft, die mitwirken will bei allem, was nicht bloß äußere Natur ist. Gefördert kann diese Wissenschaft nur werden, wenn zu dem reinen, und zwar materialistisch orientierten intellektuellen Elemente der Neuzeit die Erkenntnis des Willens aufgenommen wird, des Willens, der, wenn er als Wille wirklich erkannt wird, nur in seiner spirituellen Natur erkannt werden kann, weil er nur spirituell sich äußert in dem gegenwärtigen Entwickelungsstadium der Menschheit. Ein nicht feiges Heraufholen der Lebensimpulse aus der Sphäre des Willens, das ist das, was der Gegenwart so sehr mangelt. Die Gegenwart will vor allen Dingen reden, reden! Das ist gut, aber nur auf Grundlage eines wirklichen Erkennens. Nicht das letztere will die Gegenwart - reden will jeder, reden will jeder, auch auf nichtige Voraussetzungen hin. Und wir haben ja gesehen, daß in diesem Unberücksichtigtlassen des spirituellen Elementes in der Welt gerade das Unglück unseres Zeitalters liegt. Man meint es in der Gegenwart nur dann ehrlich mit der Entwickelung der Menschheit, wenn man sich wirklich einlassen will auf die Ergründung derjenigen Willensimpulse, die notwendig sind, um die Wogen der Menschheitsentwickelung weiterzutreiben. Selbstverständlich müssen diese Dinge nicht persönlich genommen werden. An diesem oder jenem Platz des Lebens kann selbstverständlich jeder sagen: Ja, was soll ich tun? - Ganz gewiß, das kann auch niemals die Anforderung sein, daß wir heute begreifen, was wir tun sollen, um morgen irgendwie die ersten Schritte zu tun, um irgend etwas Weltepochemachendes zu unternehmen. Was wir zu unternehmen haben, wird uns das Karma schon bringen. Was wir aber zu tun haben, das ist: die Augen - ich meine die Augen der Seele - aufzumachen, um wirklich zu erkennen, um wirklich die Zeit zu durchschauen. Das, was wir zu tun haben, ist: diese Zeit nicht zu verschlafen, sondern hineinzuschauen in das, was geschieht! Was der Materialismus des fünften nachatlantischen Zeitraumes den Menschen genommen hat, notwendig nehmen mußte, weil sich die Menschen zunächst rein persönlich orientieren mußten, das sind umfassende Ideen, wie sie gerade die Ausflüsse des Zeitgeistes sind, das sind umfassende Ideen, die wir gemeinsam haben können mit den sogenannten Toten. Das intellektualistische Zeug, das in unserer Zeit so groß geworden ist, hat nicht nur die Menschenseelen ergriffen, das hat deshalb auch ergriffen die soziale und geschichtliche Entwickelung des Zeitalters selbst. Der Mensch hat vor der Notwendigkeit der Geschichte - mit einem gewissen Recht, denn an diesen Dingen soll nicht Kritik geübt werden, sondern sie sollen charakterisiert werden —, der Mensch hat mit einem gewissen Recht manches von dem, was er früher aus seiner Menschheitsinitiative heraus, ich meine auch aus der organischen Menschheitsinitiative heraus verrichtet hat, an die Maschine abgegeben. Das materialistische Zeitalter ist ja zu gleicher Zeit das Maschinenzeitalter. Und dieses Maschinenzeitalter formt mit den Maschinen nicht nur dasjenige, was es zum gewöhnlichen Leben braucht, sondern der Krieg selbst ist zur Pflege einer großen Maschinerie geworden. Es konnte nicht anders kommen, denn die Menschheit hat im Laufe der letzten Jahrhunderte nicht nur eine gewisse Menschheitsschicht ausgebildet, sondern innerhalb dieser Menschheitsschicht auch Anschauungen kultiviert, die vor allen Dingen darauf bedacht sind, nur das als wissenschaftlich gelten zu lassen, was sich realisieren kann innerhalb der äußeren sozialen Ordnung im Werden von Maschinen: entweder im Werden von mechanischen Maschinen — wenn ich diese Tautologie, den Pleonasmus gebrauchen darf - oder aber im Werden von sozialen Maschinen. Denn eine große Maschinerie ist zum Beispiel bis vor dem Kriege die Finanzgebarung gewesen, die internationale Finanzgebarung der Welt. Alles ist maschinenmäßig gewesen. An das Maschinenmäßige hat der Mensch viel abgegeben. Zurückbehalten wollte eine gewisse Schicht der Menschheit von diesem Maschinenmäßigen im Grunde genommen nur das, was die trivialeLebensnotwendigkeit vergnüglich macht. Man könnte sagen: Im Winter schuften, im Sommer ins Bad gehen und nur so viel denken, als notwendig ist, damit die Weltenmaschinerie für einen schuftet, das wurde Signatur des Zeitalters. Nicht als ob das hätte unterbleiben können. Diese Weltenmaschinerie mußte heraufkommen, das ist ganz selbstverständlich. An dem Geschehenen Kritik zu üben, ist ein Dilettantismus, an dem sich Geisteswissenschaft nicht beteiligen kann. Aber durchschaut, und in der Eigenart, die es hat, erkannt werden muß die Sache, denn nur dann wird man demgegenüber die richtigen Willensimpulse entwickeln können. Immer wiederum sind die Menschen gekommen, welche die angemessenen Ideen schon ausgesprochen haben für dieses Zeitalter. Aber diese Aussprecher der angemessenen Ideen wurden gerade in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und im Beginne des 20. Jahrhunderts eigentlich als unmögliche menschliche Persönlichkeiten betrachtet. Über solche Köpfe, die klar sahen, wie die soziale Struktur der Menschheit über die Erde hin sein muß unter dem Einfluß des Maschinenzeitalters, über solche Köpfe wie Bright oder Cobden ist die nachfolgende Menschheit zur Tagesordnung übergegangen -— diese nachfolgende Menschheit, die allerdings etwas Geisteskraft hätte aufwenden müssen, um gerade das Angemessene der Brightschen und Cobdenschen Ideen für das Maschinenzeitalter herauszufinden! Aber den Willen in den Intellekt hineinzudrängen, um die Wirklichkeit zu durchschauen, das ist eben eine Kraftanstrengung, vor der die Menschen der Gegenwart zurückschrecken. Sie wollen nicht ihre Gedanken von Willen durchtränken. Sie wollen ihre Gedanken sentimental hinzielen lassen über dasjenige, was ihnen, wie sie sagen, wohlig ums Herz macht, wenn sie sich erheben wollen. Und unter dem Einflusse eines solchen willensentblößten Denkens, dem es aber so warm und wohl wird beim Schwätzen in Sentimentalitäten, gewöhnt man sich daran, auch die wichtigsten Fragen mit einem willenlosen, feigen Denken zu ergreifen. Man gewöhnt sich vor allen Dingen daran, von der weltgeschichtlichen Entwickelung nichts zu lernen. Ist denn die Menschheit gegenwärtig bereit zu lernen? Auch das soll nicht als eine Kritik ausgesprochen werden, sondern nur als eine Charakteristik. All dasjenige, was ich sage, ist nicht eingegeben von dem Gesichtspunkt der Kritik, sondern ist eingegeben von dem Gesichtspunkt der Anregung des Willens. Klarstellen muß man, wie man in seine Gedanken den Willensimpuls hineinleitet, der zum Heile der Menschheit dienen kann. Leider sind die Menschen der Gegenwart zu wenig geneigt, zu lernen. Sie lassen die Dinge an sich vorübergehen und bereden sie und glauben, mit dem Bereden auch das Willenselement zu meistern. Wieviel ist geschwätzt, wesenlos geschwätzt worden in der Zeit, in der sich die unheilvollen Ursachen dieser Weltenkatastrophe vorbereitet haben! Wieviel ist geschwätzt worden auf die Anregung der Friedensmanifest-Firlefanzereien des Zaren hin! Das konnte geschehen, denn man kann sagen, daß eben erst gelernt werden mußte, daß es sich um Friedensmanifest-Firlefanzereien handelte, und daß all dieses Geschwätz, das daran geknüpft worden ist, Millionen und Millionen Meilen weit entfernt war von der Möglichkeit, Willensimpulse anzuregen in der Menschheit. Aber gelernt sollte werden. Wird gelernt? Nein, es wird vorläufig nicht gelernt - und nicht darum handelt es sich, das Nichtlernen zu bemängeln, sondern darum handelt es sich, dieses Nichtlernen zu durchschauen, damit man lerne. Was ist an die Stelle getreten, an die Stelle des Schwätzens über allerlei Weltenziele in Anknüpfung an die Friedensmanifest-Firlefanzereien des nunmehr abgetanen Zaren? Der andere Unsinn von den Friedensmanifest-Firlefanzereien des Schwätzers Woodrow Wilson! Genau dieselbe Sache anstelle derselben Sache! Das ist zu lernen, daß die Menschheit nicht lernen will. Und in der Erkenntnis von diesem Nichtlernenwollen wird sich anfachen in unserer Seele der heilige Wille zum rechten Wollen, das hervorgehen muß aus dem rechten Durchschauen desjenigen, was wirkt und webt in unserer Zeit. Ich habe in den öffentlichen Vorträgen gesagt, daß im Grunde genommen das, was sich im Lauf der letzten vier Jahrhunderte im geschichtlichen Traum der Menschheit heraufentwickelt hat, wie ein Weltenprogramm ausgesprochen worden ist im Lauf des 19. Jahrhunderts von solchen Leuten wie Karl Marx und ähnlichen Leuten. Die Impulse sind schon vergangen gewesen, als es ausgesprochen worden ist; aber es war damit das ausgesprochen, was im Grunde genommen die Unterlage war für das geschichtliche Werden der letzten vier Jahrhunderte. Wie liegt die Sache? Die Sache liegt heute so, daß die breiteren menschlichen Schichten alles Denken über soziale Zusammenhänge aufgegeben haben. Man überläßt es den Professoren der Nationalökonomie, die ja im Verlauf der letzten Jahrhunderte, namentlich Jahrzehnte genug Unsinn geschwätzt haben. Wirkliches soziales Denken, das hervorzugehen hat aus der Erkenntnis der aus der Geisteswelt kommenden Impulse, ist in den sogenannten führenden Schichten abhanden gekommen. Einzig und allein eine Schicht hat weltgeschichtliche Ideen in der letzten Zeit in die Welt gesetzt: diejenige Schicht, die in okkulter Auffassung Brüder des Schattens sind gegenüber den Brüdern der bürgerlichen Parteien der letzten Jahrhunderte. Weltgeschichtliche Ideen, wenn auch Schattenideen, hat die Sozialdemokratie gebracht, graue Schattenideen von besonders gefährlicher Art, da sie ganz imprägniert sind von dem Geiste der letzten Jahrhunderte. Aber weltgeschichtliche Ideen sind es, die den andern Schichten der Menschheit völlig gemangelt haben. Denn die andern Schichten der Menschheit, sie hätten sie entlehnen müssen aus der geistigen Welt; sie hätten nötig gehabt, nicht im allgemeinen in salbungsvoller Weise ihre religiösen, ihre sozialen, ihre geschichtlichen Ideen zu entwickeln, sondern auf fester Erkenntnisgrundlage das soziale Werden zu durchschauen. Niemand wird das soziale Werden in Wirklichkeit durchschauen, der sich nicht in die Lage versetzen will, dies von Ausgangspunkten zu tun, die diesen unseren Betrachtungen in den letzten Wochen hier zugrunde gelegen haben. Dafür spricht das Beste, was die sogenannten Lebenden heute aus der geistigen Welt empfangen können, dafür spricht das Beste, was die Toten uns offenbaren aus ihrem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Dafür spricht jene neue Auffassung des Mysteriums von Golgatha, der wir durch die Vertiefung der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft entgegengehen müssen. Dafür spricht alles das, was wir in dieser ernsten Zeit als ernste Weihnachtsgedanken uns durch die Seele ziehen lassen sollen. Denn zum Heil der Menschheit ist das Wesen in die Erdenentwickelung eingetreten, dessen Geburt im Weihnachtsfeste gefeiert wird, nicht zum behaglichen Zur-Seele-Reden bloß, sondern dazu, daß diese Menschenseele sich durchdringt mit - wenn ich das paradoxe Wort gebrauchen darf - dem Willen zum Willen, dem Willen zum Wollen. Durchdringt dieser Wille zum Wollen die Menschenseelen, dann wird dies den Impuls bedeuten zu einer Sehnsucht nach wirklich neuen Ideen, denn die alten sind abgebraucht. Manchmal können wir nicht einmal die Worte mehr gebrauchen. Wir leben in einer katastrophalen Zeit. Das, was geschieht, Krieg zu nennen, ist fast schon anachronistisch, ist nur aus der alten Gewohnheit entstanden, die Flasche noch Kürbis zu nennen. Ebensowenig aber, wie das, was geschieht, Krieg zu nennen ist, ebensowenig sollte in leichtfertiger Weise die wohlbehäbige Hoffnung in der alten Weise von Frieden sprechen! Gewaltige Zeichen kündigen sich in unserer Zeit an, und der Menschheit obliegt es, zu versuchen, diese Zeichen zu verstehen. In den Ereignissen selber wandeln sich die Ereignisse um. 1914 hat ein Weltenereignis begonnen, das man vielleicht im Anfange nennen konnte einen Krieg zwischen der Entente und den europäischen Mittelmächten. Unter dem aber, was so genannt wird, waltet etwas wesentlich anderes, stehen einander ganz andere Feinde gegenüber! Und in unseren Tagen kündigt sich uns an ein ernstes Symptom von dem, was glimmend waltet unter dem, was wir recht uneigentlich noch einen Krieg zwischen der Entente und den Mittelmächten nennen, kündigt sich uns an ein Symptom, das da besteht in dem traurigen Aufeinanderprallen der Bevölkerung Nord- und Südrußlands, ein bedeutungsvolles Symptom, wenn es auch vielleicht noch verlöschen kann zunächst, ein bedeutungsvolles Symptom für das, was unter den Ereignissen glimmt. Die Menschen lieben es nicht, daß die Dinge heute beim rechten Namen genannt werden, weil sie das Wollen nicht wollen, weil sie sich lieber über den Ernst der Zeit hinwegsetzen, solange es nur irgend geht, solange der Magen nicht allzustark knurrt. Dasjenige, um was es sich handelt, das ist, daß wir wirklich den Willen entwickeln, die tieferen Grundlagen der Ereignisse zu schauen, daß wir endlich einmal den Willen entwickeln, alle Oberflächlichkeit abzutun, um mit den Seelenaugen den Dingen ins Antlitz zu schauen. Wir werden, indem wir das, was wir jetzt in einer Art von Überschau durch unsere Seele haben ziehen lassen, in den nächsten Vorträgen ergänzend auf mancherlei noch hinzuweisen haben, was zusammenhängt mit den tieferen Impulsen, denen wir uns in diesen Betrachtungen hingegeben haben. Aber ich glaube, in dieser Zeit ehrt man die geheimnisvolle dreifache Notwendigkeit, welche durch das Weltenwerden geht und die der Bruder ist von der Menschenfreiheit und der Freiheit der andern Geschöpfe, am meisten, wenn man sich keinen Schleier vor das Auge weben will. Hier auf dieser Erde müssen wir Freiheit begreifen. Auch in dieser Beziehung lernt der Blick des Gegenwartsmenschen sehr viel, wenn er sich zu den Toten hinrichtet; denn der Tote weiß, daß ihm Freiheit in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt durch das wird, was er sich mitbringt aus dem Leben zwischen der Geburt und dem Tode. Eingebettet sein in die Intelligenzen der höheren Hierarchien, das ist etwas, was uns wie eine Naturnotwendigkeit wird, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen, wenn wir drüben leben eingebettet sein in den Intelligenzen der höheren Hierarchien und deren Impulsen folgen, wie hier ein Naturereignis mit Notwendigkeit den Naturimpulsen folgt. Dann sind wir noch, nachdem wir durch die Pforte des Todes geschritten sind, frei, wenn wir in unserer Seele mit hinübertragen in die geistige Welt dasjenige, was wir uns hier als Wissen vom geistigen Werden und geistigen Wesen erwerben können. Dies ist etwas, was nun auch im tiefsten Sinne mit dem Mysterium von Golgatha zusammenhängt. Und weil dies so ist, glaube ich, daß auch Weihnachtsbetrachtungen in dieser Zeit nicht sentimentale sein dürfen, sondern solche sein müssen, welche an den Willen zum Wollen appellieren. Denn man nehme die Evangelien: wieviel ist in den Evangelien gerade an Appell zum Willen zum Wollen! Die Evangelien sind keine sentimentalen Schriften, die Evangelien sind Schriften, die allerdings zu dem Allerbescheidensten der Menschennatur sprechen, aber sie sind auch Schriften, welche das, was der Mensch an Stärke des Willens aufbringen kann, in den Menschen erwecken wollen. Nicht nur dazu sollen die Weihnachtskerzen brennen, daß wir uns in einer gewissen Weise wollüstigen Betrachtungen hingeben, sondern auch dazu sollen sie brennen, daß sie Symbole seien für die Anfachung des der Welt zum Heile dienenden Willenslichtes. Die Menschheit hat viel nachzuholen; und es ist nachzuholen! Denn indem sie die Kraft entwickeln wird, welche in diesem Nachholen liegt, wird sie rechte heilsame Kräfte entwickeln, um aus der gegenwärtigen katastrophalen Zeit herauszukommen. Das ist der Menschheit nicht zur Aufgabe gesetzt worden, bloß hineinzukommen in diese Zeiten; viel wichtiger ist die Aufgabe, aus ihnen herauszukommen. Diese Aufgabe steht als ein heiliges Zeichen, wie ich glaube, mit Flammenschrift geschrieben hinter all den Weihnachtskerzen, die nun schon seit vier Jahren in anderer Weise vor unserer Seele brennen als manches frühere Jahr! Morgen treffen wir uns um vier Uhr im Basler Zweig zu einer Weihnachtsfeier. Montag um viereinhalb werden wir uns hier versammeln zur ersten Aufführung des «Paradeis-Spieles», und ich werde dann daranschließen eine Weihnachtsbetrachtung für diejenigen unserer Freunde, die nicht durch irgend etwas zu Hause abgehalten sind, sondern die gerade jetzt da sind, sich den Arbeiten und dergleichen widmend, und die an diesem Tage vielleicht ihr Weihnachten am liebsten hier verbringen mögen.

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