Vierter Vortrag
Die Festlegung der beiden Grenz-Feste des Christentums, des Weihnachtsfestes und des Osterfestes, ist sehr sinnvoll vorgenommen worden. Das Weihnachtsfest ist ein sogenanntes unbewegliches Fest; es fällt einfach ungefähr auf die Wintersonnenwende. Das Osterfest ist ein bewegliches Fest. Das Weihnachtsfest ist festgelegt, weil es der Ausdruck ist, wie wir wissen, für eine ganz bestimmte kosmische Tatsache. Diese kosmische Tatsache kann man sich nicht oft genug vor die Seele rufen. Es ist ja ein Vorurteil, daß unsere Erde dasjenige ist, was die Geologie, die Physik, die Mineralogie, Geophysik und so weiter anerkennen wollen. Unsere Erde ist ein mächtiger Geistorganismus. Wir leben in der Tat nicht bloß auf einer mineralischen Erde, die von einem Luftkreise umgeben ist. Wir leben innerhalb des mächtigen Geistorganismus Erde, und dieser Geistorganismus hat in gewisser Beziehung ein auf- und absteigendes Leben. Dieser Geistorganismus schläft im Sommer. Er hat seinen tiefsten Schlaf dann, wenn das Sommersolstitium eingetreten ist, zur Zeit der längsten Tage und kürzesten Nächte für uns. Beim Menschen richtet sich der Schlaf nur nach der Zeit; bei der Erde richtet sich der Schlaf auch nach dem Orte. Die Orte schlafen verschieden; doch das ist nur zu berühren. Im Winter hat die Erde ihre eigentliche Wachezeit. Da ist das, was man den Intellekt der Erde nennen kann, am allertätigsten. Daran zu erinnern, daß, wenn die kürzesten Tage, die längsten Nächte da sind, dann die Erde am wachsten ist für den Ort, wo das zutrifft, daran zu erinnern ist der tiefere Sinn des Weihnachtsfestes. Suchen soll derjenige, der das Weihnachtsfest anerkennt, den Erdenintellekt, wie er in den Tiefen der Erde gefunden werden kann, so wie das Christkind verborgen im Stalle gefunden wird, oder in einer Höhle, oder in einer Grotte, je nach den verschiedenen Anschauungen. Ein unbewegliches Fest ist dieses Weihnachtsfest.
Cite:
GA 180/1917-12-26/p009 · edition original