Vierter Vortrag

GA 180/1917-12-26/p013 ·1917-12-26 · original (original)
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Sie können die Frage aufwerfen: Ja, wie soll denn der Mensch einen Begriff davon bekommen, wie stark seine Impulse wirken in die nächsten dreiunddreißig Jahre hinein? Soll er denn überhaupt einen Begriff davon bekommen, ob seine Impulse im günstigen oder im ungünstigen Sinne wirken? - Gewiß, die Antwort auf eine solche Frage ist der heutigen Zeit ungeheuer schwer, denn die heutige Zeit leidet eben an der Abstraktheit wie an einer furchtbaren, schleichenden Krankheit. Die heutige Zeit will nichts anderes, als mit ein paar abstrakten Begriffen womöglich das ganze Weltenall verstehen. Diese Zeit will so fern wie möglich sein von einem Auffassen der Ereignisse mit dem vollen, ganzen Menschenwesen; diese Zeit will so entfernt wie möglich sein von einem wirklichen Miterleben der Zeit und der Zeitenströmungen. Natürlich, wenn man als Himmelswissenschaft nichts anderes gelten läßt als dasjenige, was die heutigen Astronomen mit ganz abstrakter Mathematik berechnen, dann kann man unmöglich Herz und Sinn für dieses mit abstrakter Mathematik Berechnete aufbringen. Aber das muß eben die Menschheit wiederum entwickeln. Die Menschheit muß wirklich nicht nur ihren Verstand mitgeben, wenn sie irgend etwas tut, sondern sie muß mit jeder Tat, die verrichtet wird, und sei sie die alltäglichste, das Herzblut verbunden wissen. Das kann geschehen, wenn man es aufrichtig und ehrlich meinen will mit der Geisteswissenschaft, mit dem, was Geisteswissenschaft ist und was sie sein kann. Wenn der Mensch allerdings mit demjenigen, was über den engsten Kreis seiner egoistischen oder Familieninteressen hinausgeht, nur durch den abstrakten Verstand verbunden sein will, dann wird er den Weg nur schwer finden, das Herzblut zu verbinden mit dem, was man will und tut. Aber eben, gerade dazu ist Geisteswissenschaft so recht berufen, den Horizont der Seele zu erweitern, über weiteres den Interessenkreis auszuspannen, als er gerade unter dem Einflusse der materialistischen Abstraktheit des 19. Jahrhunderts ausgespannt worden ist.

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Cite: GA 180/1917-12-26/p013 · edition original