Vierter Vortrag
Für die äußere physische Welt ist das ganz berechtigt. Dieser physische Verstand muß genau ebenso an die umgewandelten Geruchsorgane gebunden sein, wie für die äußere physische Welt die physische Sexualität und Fortpflanzung da sein muß. Aber in der Wissenschaft soll gesucht werden die Jungfräulichkeit des Verstandes. Losgerissen ist der Verstand von den Verrichtungen, die er vollzieht, wenn er als bloß umgewandelter Geruchssinn sinnliche Objekte kombiniert. Die Bläue des Himmels soll nicht im Sinne der physischen Wissenschaft, im Sinne der Newtonschen Physik gedeutet werden, wie Sie es heute in jedem Physikbuch lesen können, sondern die Bläue des Himmels ist selbst Theorie im Sinne Goethes. Und Goethe richtig verstehen heißt auch auf diesem Gebiete, in ihm diejenige Persönlichkeit zu sehen, welche ganz in dem Geiste wirken wollte, der auch der Geist der Geisteswissenschaft ist. Bis in die Naturforschung hinein hat Goethe konsequent gedacht. Und indem er nur solche Theorien in der Naturwissenschaft gefordert hat, die bis zu dem Urphänomen gehen, die nicht allerlei Atomtheorien, Tontheorien, Elektrontheorien, Gravitationstheorien und so weiter kombinieren aus den Phänomenen, wies er in der Tat gerade auf physikalischem Gebiete auf dasjenige hin, was ich andeuten wollte, indem ich auf Pallas Athene als die Repräsentantin der Weisheit hinwies. Dadurch allein aber beginnt man schon auf dem Gebiete der Naturforschung sich zu dem Sohne hinzuwenden, daß man die Mutter entreißt der Kombinatorik und sich hinwendet zu der Anschauung des reinen, jungfräulichen Urphänomens.
Cite:
GA 180/1917-12-26/p027 · edition original