{"corpus":"steiner","locus":"GA 181/1918-02-05/p025","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"So können die Menschen schon etwas dazu tun, um in der rechten Weise das Verhältnis zwischen den Lebenden und den Toten zu begründen. Eigentlich ist unser ganzes Leben von diesem Verhältnis durchzogen. Wir sind als Seelen eingebettet in die Sphäre, in der auch die Toten sind. Der Grad - das habe ich schon vorhin gesagt -, in dem wir fromm sind, hängt sehr stark damit zusammen, wie die jugendlich verstorbenen Menschen auf uns wirken. Und würden nicht jugendlich verstorbene Menschen in das Leben hereinwirken, so gäbe es wahrscheinlich überhaupt keine Frömmigkeit. Daher verhalten sich die Menschen zu jung verstorbenen Seelen am besten so, daß sie das Andenken mehr im allgemeinen halten. Trauerfeiern für Kinder oder jugendlich verstorbene Menschen sollten immer etwas Kultushaftes, etwas Generelleres haben. Man sollte beim Tode von jugendlich Verstorbenen eine Art von Kultus haben. Die katholische Kirche, die alles auf das jugendliche, auf das kindliche Leben abnuanciert, die es überhaupt nur mit Kindern zu tun haben möchte, Kinderseelen zu verwalten haben möchte, sie wendet daher wenig die Bitte an, individuelle Reden zu halten für das kindliche Leben, das mit dem Tode geschlossen hat. Das ist ganz besonders gut. Die Trauer, die wir um Kinder haben, ist anderer Art, als unsere Trauer um ältere Leute. Die Trauer um Kinder möchte ich am liebsten Mitgefühltrauer nennen; denn die Trauer, die wir um ein Kind haben, das uns hinweggestorben ist, ist eigentlich vielfach eine Reflexion aus unserer eigenen Seele gegenüber dem Wesen des Kindes, das eigentlich dageblieben ist in unserer Nähe. Wir leben das Leben des Kindes mit, und das Wesen des Kindes macht da die Trauer mit. Es ist Mitgefühltrauer. Wenn die Trauer dagegen besonders gegenüber älter verstorbenen Personen auftritt, kann man sie nicht als Mitgefühltrauer bezeichnen; sie ist dann immer als eine egoistische zu bezeichnen, und sie wird am besten durch die Erwägung getragen, daß der Tote uns dann eigentlich mitnimmt, wenn er älter geworden ist; er verliert uns nicht, wenn wir versuchen, uns geeignet zu machen, um mit ihm zusammenzukommen. Daher können wir dem älteren Toten gegenüber das Andenken mehr individuell gestalten, mehr in Gedanken tragen, können in Gedanken vereint bleiben mit dem, was wir in Gedanken mit ihm gepflogen haben, wenn wir versuchen, nicht als ein unbequemer Genosse uns zu benehmen. Er hat uns, aber er hat uns auf eine sonderbare Art, wenn wir Gedanken haben, die gar nicht von ihm aufgenommen werden können. Wir bleiben bei ihm, aber wir können ihm zur Last werden, wenn er uns mitschleppen muß, ohne daß wir solche Gedanken in uns hegen, die er mit sich vereinigen kann, die er geistig in entsprechender Weise anschauen kann.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Dritter Vortrag","site_heading":null,"date":"1918-02-05","location":null,"word_count":436,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/181/1918-02-05/p025","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/181/1918-02-05/p025"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/181/1918-02-05/p025","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}