Siebenter Vortrag
Der Mensch ist ein vielfältiges Wesen. Wir betrachten ihn zunächst, insofern er ein zwiespältiges Wesen ist. Die Zwiespältigkeit — sagte ich in einer früheren Betrachtung — drückt sich schon in der äußeren Leibesform aus. Diese zeigt uns den Menschen als Haupt und als den übrigen Menschen. Wir wollen zunächst den Menschen trennen in das Haupt und den übrigen Menschen. Würde man nur einmal diesen Unterschied im ganzen Bau des Menschen ins Auge fassen, so würde man schon naturwissenschaftlich ganz bedeutende Entdeckungen machen können. Wenn man nämlich den Bau des Hauptes rein physiologisch, anatomisch betrachtet, so stellt sich gerade das Haupt als das heraus, worauf sich die mehr materialistisch gedachte Abstammungslehre, was man heute Darwinische Theorie nennt, anwenden läßt. In bezug auf seinen Kopf ist der Mensch gewissermaßen in diese Entwickelungsströmung hineingestellt, aber nur in bezug auf seinen Kopf, nicht in bezug auf seinen übrigen Organismus. Sie müssen sich, um diese Abstammung des Menschen zu begreifen, die Sache so vorstellen, daß Sie sich, ganz abgesehen vom Größenverhältnis, das menschliche Haupt vorstellen und das andere darangewachsen. Denken Sie sich einmal, die Entwickelung ginge so vor sich, daß der Mensch sich in die Zukunft entwickelte und irgendwelche Organe noch besondere Anhangorgäane bekämen. Die Entwickelung, die Umgestaltung könnte ja weitergehen. So war es aber in der Vergangenheit: Der Mensch war vor Zeiten bloß eigentlich als Haupteswesen vorhanden, und dieses Haupt hat sich immer weiter- und weitergebildet, und ist zu dem geworden, was es heute ist. Und was an dem Haupte dranhängt, wenn dies auch physisch größer ist, ist erst später dazugewachsen. Das ist eine jüngere Bildung. In bezug auf sein Haupt stammt der Mensch ab von den ältesten Organismen, und das andere außer dem Haupt ist erst später dazugewachsen. Dadurch kommt es auch, daß das Haupt beim heutigen Menschen immer so wichtig ist, weil es an die vorherige Inkarnation erinnert. Der übrige Organismus — darauf habe ich auch schon aufmerksam gemacht - ist dagegen die Vorbedingung für die spätere Inkarnation. Der Mensch ist in dieser Beziehung ein ganz zwiespältiges Wesen. Das Haupt ist ganz anders veranlagt als der übrige Organismus. Das Haupt ist ein verknöchertes Organ. Es ist so, daß der Mensch, wenn er den übrigen Organismus nicht hätte, zwar sehr vergeistigt, aber ein vergeistigtes Tier wäre, Das Haupt kann niemals, wenn es nicht dazu inspiriert wird, sich als Mensch fühlen. Es weist zurück auf die alte Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit. Der übrige Organismus weist nur bis in die Mondenzeit, und zwar in die spätere Mondenzeit zurück; er ist an den Hauptesteil darangewachsen und ist in dieser Beziehung wirklich etwas wie ein Parasit des Hauptes. Sie können es sich gut vorstellen: Das Haupt war einmal der ganze Mensch, es hatte nach unten hin Ausfluß- und Auslauforgane, durch die es sich ernährte. Es war ein ganz eigentümliches Wesen. Aber indem es sich weiterentwickelte, indem sich die Öffnungen nach unten so entwickelten, daß sie sich nicht mehr in die Umgebung hinein öffneten und dadurch nicht mehr für die Ernährung dienen konnten und das Haupt mit den von der Umgebung einstrahlenden Einflüssen in Verbindung bringen konnten, und so das Haupt nach oben zu auch verknöcherte, war der übrige Ansatz nötig geworden. Dieser übrige Organismus ist erst damit nötig geworden. Dieser Teil der physischen Organisation ist erst zu einer Zeit entstanden, als für die übrige Tierheit keine Möglichkeit mehr war, zu entstehen. Sie werden sagen: So etwas, wie ich es jetzt dargestellt habe, ist schwer zu denken. Darauf kann ich aber immer wieder nur entgegnen: Man muß sich eben Mühe geben, so etwas zu denken; denn die Welt ist nicht so einfach, wie es die Leute gerne haben möchten, damit sie nicht viel über die Welt denken brauchen, um sie zu begreifen. In dieser Beziehung erlebt man das Mannigfaltigste, was die Leute für Ansprüche stellen, damit die Welt ja möglichst leicht zu begreifen sei. Darin haben die Menschen ganz merkwürdige Ansichten. Es gibt eine reiche Kant-Literatur von allen den Leuten, die Kant nach allen Richtungen für einen ungeheuren Philosophen halten. Das rührt aber nur davon her, daß die Leute keine andern Philosophen verstehen und schon so viel Gedankenkraft aufwenden müssen, um Kant zu verstehen. Und da er doch immer ein großer Philosoph ist - sich selber hält man ja oft für das Allergenialste —, so begreifen sie die andern erst recht nicht. Und nur weil sie Kant schon so schwer begreifen, ist er für sie ein großer Philosoph. Damit hängt es auch zusammen, daß man sich scheut, die Welt als kompliziert gelten zu lassen, und Kraft aufwenden muß, um sie zu verstehen. Wir haben von diesen Dingen schon von den verschiedensten Gesichtspunkten aus gesprochen. Und wenn einmal meine Vorträge über «Okkulte Physiologie» erscheinen werden, wird man auch im einzelnen lesen können, wie man auch embryologisch nachweisen kann, daß es ein Unsinn ist zu sagen: Das Gehirn ist aus dem Rückenmark entwickelt. Umgekehrt ist es der Fall: Das Gehirn ist ein umgewandeltes Rückenmark von einstmals, und das heutige Rückenmark hat sich an das heutige Gehirn als ein Anhängsel erst angegliedert. Man muß nur begreifen lernen, daß das, was beim Menschen das Einfachere ist, später entstanden ist als das, was als das Kompliziertere erscheint; was primitiver ist, steht auf einer untergeordneteren Stufe, ist später entstanden.
Cite:
GA 181/1918-03-26/p011 · edition original