Siebenter Vortrag
Ich habe diese Einfügung von der Zwiespältigkeit des Menschen nur deshalb gemacht, damit Sie das andere begreifen, was die Folge ist dieser Zwiespältigkeit. Und die Folge ist, daß wir mit unserem seelischen Leben, das sich ja unter den Bedingungen der Leiblichkeit entwickelt, auch in dieser Zwiespältigkeit drinnenstehen. Wir haben nicht nur organisch die Kopfentwickelung und die Entwickelung des übrigen Organismus, sondern wir haben auch zwei verschiedene Tempi, zwei verschiedene Geschwindigkeiten in unserer seelischen Entwickelung. Unsere Kopfentwickelung geht nämlich verhältnismäßig schnell, und die Entwickelung, die den übrigen Organismus zur Ausbildung bringt - ich will sie die Herzensentwickelung nennen -, geht verhältnismäßig langsamer, geht etwa drei- bis viermal langsamer. Was den Kopf zur Bedingung hat, ist mit seiner Entwickelung in der Regel mit den Zwanzigerjahren des Menschen schon abgeschlossen; mit Bezug auf den Kopf sind wir alle mit zwanzig Jahren schon Greise. Und nur weil fortwährend die Erfrischung von dem übrigen Organismus kommt, der sich aber drei- bis viermal langsamer entwickelt, leben wir in einer annehmbaren Weise weiter. Unsere Kopfentwickelung geht schnell; unsere Herzensentwickelung, die aber die Entwickelung des übrigen Organismus ist, geht drei- bis viermal langsamer. Und in diesem Zwiespalt stehen wir mit unserem Erleben drinnen. Unsere Kopfentwickelung kann gerade in unserer Kindheit und Jugendzeit eine ganze Menge aufnehmen. Daher lernen wir in der Kindheit und Jugendzeit. Was aber da aufgenommen wird, muß fortwährend erneuert, erfrischt werden, muß fortwährend eingefaßt werden von dem langsameren Gang der übrigen Organentwickelung, von der Herzensentwickelung.
Cite:
GA 181/1918-03-26/p012 · edition original