Siebenter Vortrag
Nun denken Sie sich, wenn die Erziehung so ist wie jetzt in unserem Zeitalter, wo Erziehung und Unterricht nur auf die Kopfausbildung Rücksicht nehmen, so ist, weil wir in Unterricht und Erziehung gewissermaßen nur den Kopf zu seinem Rechte kommen lassen, die Folge davon die, daß der Kopf wie ein toter Organismus in den langsameren Gang der übrigen Entwickelung sich eingliedert, daß er diese zurückhält, und daß die Menschen seelisch früh alt werden. Diese Erscheinung, daß die Menschen im heutigen Zeitalter innerlich seelisch früh alt werden, hängt im wesentlichen mit dem Erziehungs- und Unterrichtssystem zusammen. Natürlich dürfen Sie nicht denken, daß man jetzt die Frage stellen kann: Wie soll man den Unterricht einrichten, damit er nicht so ist? — Das ist eine sehr bedeutsame Sache, die man nicht mit zwei Worten beantworten kann. Denn fast alles vom Unterricht muß anders eingerichtet werden, damit er nicht nur etwas ist für das Gedächtnis, woran man sich erinnert, sondern etwas, durch das man sich erfrischt, sich erneuert. Man frage sich, wie viele Menschen heute, wenn sie zu einer Kindheitsverrichtung zurückblicken, auf alles, was sie da erlebt haben, was ihnen die Lehrer und die Tanten gesagt haben, so zurückzudenken vermögen, daß sie nicht nur sich erinnern: Das sollst du so und so machen -, sondern daß sie immer wieder von neuem hinuntertauchen in das, was sie in der Jugend durchgemacht haben, liebevoll hinblicken zu jedem Handgriff, zu jeder einzelnen Bemerkung, zu dem Stimmklang, zu der Gefühlsdurchdringung dessen, was ihnen in der Kindheit dargeboten wurde, und es so empfinden, daß es stets ein immer uns erneuernder Verjüngungsquell ist. Das hängt zusammen mit den Tempi, welche wir in uns erleben: daß der Mensch seiner schnelleren Kopfentwickelung folgen muß, die in den Zwanzigerjahren abgeschlossen ist, und dem langsameren Gange der Herzensentwickelung, der Entwickelung des übrigen Menschen, der für das ganze Leben gespeist werden soll. Wir dürfen dem Kopf nicht nur das geben, was nur für den Kopf bestimmt ist, sondern wir müssen ihm auch das geben, woraus der übrige Organismus immer wieder und wieder durch das ganze Leben erfrischende Kräfte ziehen kann. Dazu ist zum Beispiel notwendig, daß alle einzelnen Zweige des Unterrichtes von einem gewissen künstlerischen Element durchzogen sein müssen. Heute, wo man das künstlerische Element flieht, weil man glaubt, daß durch eine gewisse Pflege des Phantasielebens — und die Phantasie ist ja etwas, was den Menschen über die bloße alltägliche Wirklichkeit hinüberbringt — die Phantastik in den Unterricht hineingebracht werden könnte, ist ganz und gar keine Neigung vorhanden, ein solches Geheimnis des Lebens zu berücksichtigen. Man braucht nur auf einzelnen Gebieten etwas zu sehen von dem, was ich jetzt meine - es ist ja natürlich da oder dort noch vorhanden -, dann wird man sehen, daß so etwas schon geleistet werden kann, aber es kann besonders dadurch geleistet werden, daß die Menschen namentlich wieder Menschen werden. Dazu ist Mannigfaltiges notwendig. Auf eines möchte ich in dieser Beziehung aufmerksam machen.
Cite:
GA 181/1918-03-26/p013 · edition original