Elfter Vortrag

GA 181/1918-04-09/p006 ·1918-04-09 · original (original)
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Die neuere Naturwissenschaft hat, wie wir wissen, den Menschen an das Tier sehr nahe herangebracht. Allein, wir haben schon betont: Was den Menschen eigentlich im wahren Sinne des Wortes von dem Tier unterscheidet, das berücksichtigt diese moderne Naturwissenschaft gar nicht. Sie macht zum Beispiel darauf aufmerksam, wie die Formen der Knochen beim Menschen und bei den höheren Tieren sind und findet eine große Ähnlichkeit darin; sie findet in der Gestaltung, in der Morphologie überhaupt eine große Ähnlichkeit. Darin hat sie zwar recht, aber das Hauptsächlichste ist damit gar nicht berührt. Dieses Hauptsächlichste - ich habe schon einmal in diesem Winter, in einem Öffentlichen Vortrage sogar, darauf hingewiesen stellt sich zunächst einmal von einer Seite so dar, daß man sagen kann: Wer mit der nötigen Ehrfurcht und Tiefe an die Betrachtung des Menschenlebens so herangeht, daß er sich beeindrucken läßt von dem großen, bedeutsamen Gegensatz zwischen einem hier auf der Erde physisch lebenden Menschen und einem menschlichen Leichnam, der hat einfach in diesem Eindruck dieser beiden Gegensätze ein Mysterium vor seine Seele hingestellt: den lebendigen Menschen und einen Leichnam. Was dem Menschen zunächst dabei auffallen muß, ist, daß nun der Leichnam von den Kräften der äußeren Erdennatur in Anspruch genommen wird, denen er nicht unterworfen war in der Zeit seit der Empfängnis oder Geburt bis zum Tode, sondern denen er dadurch entzogen war, daß das Seelisch-Lebendige mit diesem Stoffzusammenhange, der uns im Leichnam gegenübersteht, verbunden war. Verfolgen wir in Gedanken, was aus einem Leichnam wird, gleichgültig, ob der betreffende Leichnam rasch durch Verbrennung oder langsamer durch Verwesung aufgelöst wird, die beiden Prozesse sind ja genau dasselbe, unterscheiden sich nur der Kürze oder Länge der Zeit nach. Was stofflich im Menschen verbunden war, das wird in kürzerer oder längerer Zeit im Gesamtstoffprozeß unserer Erde aufgelöst, geht über in den Gesamtstoffprozeß der Erde. Der Mensch kann in der Tat mit seinen gewöhnlichen Sinnen, auch mit seinen gewöhnlichen Gedanken verfolgen, was alles aus den Teilen eines Leichnams wird.

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