{"corpus":"steiner","locus":"GA 181/1918-04-09/p023","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Ich hatte in der «Philosophie der Freiheit» zunächst die geistige Wesenhaftigkeit in der Form des sich selbst erfassenden Denkens hingestellt, weil man nur dadurch wirklich zur Erfassung eines Geistigen kommt, daß man das, was dem Menschen zunächst als Geistiges entgegentritt — das sich selbst erfassende, auf sich selbst beruhende Denken - wirklich erfährt, wirklich erlebt. Aber, indem dies sich mir damals ergeben hat, hatte ich nötig, über manche Dinge in andern Sätzen zu sprechen, als diejenigen sprachen, die von andern Gesichtspunkten ausgingen. So hatte ich zum Beispiel auf einer Seite den Satz: Die Vorstellung ist ein individualisierter Begriff, der Begriff ist auf intuitive Weise im Geiste erlebt; die Vorstellung ist individualisierter Begriff und wird von dem Ich auf das Objekt nach außen bezogen. Unter den Dingen, die Eduard von Hartmann damals angestrichen hat, ist auch hier sein Strich, und er hat dazu bemerkt: «Das ist ein ungewöhnlicher Wortgebrauch.» Man sieht, es ist eine sehr liebenswürdige Veranlassung, aber etwas, was sehr charakteristisch ist. Denn wenn man Großes mit Kleinem vergleichen darf, könnte man folgendes heranziehen. Als Kopernikus den Gedanken ausgesprochen hatte: Nicht die Sonne dreht sich um die Erde, sondern die Erde um die Sonne -, wenn ihm da jemand an den Rand geschrieben hätte: Das ist ein ungewöhnlicher Wortgebrauch -, was wäre das für eine Sonderbarkeit gewesen! Natürlich muß ein ungewöhnlicher Wortgebrauch bei etwas herauskommen, was neu auftritt. Aber Sie sehen, wie von dorther, wo man glauben sollte, daß unbedingtes Verständnis vorhanden sein könnte, einem entgegentönt: Das ist ein ungewöhnlicher Wortgebrauch! - Wenn die Menschen niemals sich entschlossen hätten, ungewöhnlichen Wortgebrauch zu haben, so gäbe es ja gar keinen Fortschritt, nicht nur auf geistigem Gebiete. Das ist ein Beispiel, wo es einem recht anschaulich entgegentritt. Sie werden auf Schritt und Tritt finden, wie vor allem schon dem Wortgebrauche gegenüber, den die Geisteswissenschaft zur Anwendung bringt, Ablehnung vorhanden ist. Was heute allerdings, schon wie ein recht ausgetragenes Kleid, die alten Weltanschauungen darstellt, das könnten nicht einmal die alten Weltanschauungen verwenden; denn das ist so ausgetragen, daß es selbst die «Reichsbekleidungsstelle» nicht mehr annehmen würde, wenn es ihr wirklich in der Form eines Kleides, wie es ihr entspricht, angeboten würde. Aber wenn es als Weltanschauung auftritt, die im Inneren der Seele lebt, dann merken es die Menschen nicht. Dafür muß man eine Empfindung bekommen. Das gehört zu dem, was die Menschen der Gegenwart brauchen, um die Zeit zu verstehen. Und die Zeit muß verstanden werden!","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Elfter Vortrag","site_heading":null,"date":"1918-04-09","location":null,"word_count":403,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/181/1918-04-09/p023","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/181/1918-04-09/p023"}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}