Zwölfter Vortrag

GA 181/1918-04-16/p017 ·1918-04-16 · original (original)
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Wir leben hier, neben anderem, in Gedanken, innerlich seelisch. Der Tote tritt in eine Realität ein. Was für uns bloß Gedanken sind, ist diese Realität. Während wir im physischen Leben die äußerliche mineralische, pflanzliche, tierische Welt wahrnehmen und dazu unsere eigene physische Welt haben, ist das, wovon wir nur den Schatten erleben im Gedanken, für den Toten gleich da, wenn er durch die Pforte des Todes geschritten ist. Und diese Welt, in die er da eintritt, verhält sich zur physischen wirklich so, wie hier die Gegenstände zu den Schatten. Wir haben im Gedanken nur die Schatten dessen, was der Tote erlebt. Aber der Tote erlebt das anders, als wir Gedanken erleben. Er erfährt über die Gedanken etwas anderes, als der Mensch hier, wenigstens in unserem heutigen Zeitalter. Für gewöhnlich träumt der Mensch in bezug auf die Gedanken. Der Tote aber erfährt: Indem er denkt, also in Gedanken als in Realitäten lebt, wird er, wächst er, gedeiht er; in demselben Maße, als er die Gedanken verläßt, nicht in ihnen lebt, entwird er, wird magerer, spärlicher. Entstehen und Vergehen selber hängt post mortem zusammen mit In-Gedanken-Leben und Außer-den-Gedanken-Leben. Wenn es hier so wäre, daß die Menschen magerer würden, die nicht denken wollen, so könnte sich eine merkwürdige Welt zeigen. Aber wir erleben eben nur die unwirksamen Schatten der Gedanken, die keine realen Wirkungen haben. Der Tote erlebt die Gedanken als Wirklichkeiten; sie nähren ihn, oder zehren ihn ab in seinem seelisch-geistigen Dasein. Und diese Zeit, in der die Gedanken ihn nähren oder abzehren, ist zugleich die Zeit, in welcher er sein übersinnliches Wahrnehmungsleben entwickelt. Er sieht, wie die Gedanken in ihn einströmen, und wie sie wieder weggehen. Es ist nicht ein solches Wahrnehmen, wie sonst in unserem gewöhnlichen Bewußtsein, wo wir nur die fertigen Wahrnehmungen haben, sondern es ist ein durchgehender Strom des Gedankenlebens, der sich immer mit dem eigenen Wesen verbindet. Wenn der physische Mensch auf der Erde noch so viele Dinge sieht, so ist er doch hinterher, wenn er alles gesehen hat, genau ebenso beschaffen, nur daß er nachher meistens etwas davon weiß, was er vorher gewesen ist, aber es hat an seiner Organisation wenigstens nicht erheblich viel geändert. Beim Toten ist das anders; er sieht sich selber in fortwährender Veränderung mit dem, was er wahrnimmt. Das ist der eine Zustand: dieses Wahrnehmen des Hereinfließens und des Fortfließens eines lebendigen Gedankenstromes. Der andere Zustand ist, daß dies aufhört, und daß ein ruhiges Sich-zum-Bewußtsein-Bringen dessen besteht, was so durch ihn durchgeflossen ist: eine intensivere Erinnerung, eine Erinnerung, die nicht unsere abstrakte Erinnerung ist, sondern die wieder mit dem ganzen Werden zusammenhängt. Diese beiden Zustände wechseln ab. Deshalb sind die Toten auch eigentlich nur empfänglich für solche Gedanken, die aus der geisteswissenschaftlichen oder aus der spirituellen Gesinnung heraus zu ihnen hingetragen werden. Das Gedankenwesen, das die heutigen Menschen gewöhnlich haben, dringt eigentlich kaum zu den Toten, und das Gedankenwesen, das zu den Toten dringt, lieben die heutigen Menschen nicht sehr. Die heutigen Menschen lieben solche Gedanken, die sie irgendwie aus der Außenwelt hernehmen können. Gedanken aber, die man nur dadurch hat, daß man sie innerlich erarbeiten muß, die also innerlich seelisch schon eine Spur von dem haben, was die Gedanken nach dem Tode haben, diese Beweglichkeit, dieses Leben liebt man nicht. Das ist dem heutigen Menschen viel zu schwer. Deshalb können die Menschen auch, wenn sie hübsch im Laboratorium sitzen, das Mikroskop haben und unter dem Mikroskop die Zellen, können mit dem Messer den entsprechenden Schnitt machen, den Schnitt beobachten oder in irgendeiner Weise andere Beobachtungen verarbeiten. Dann können sie so ausgezeichnete Bücher schreiben wie Oscar Hertwig: «Das Werden der Organismen.» In dem Augenblick aber, wo sie anfangen zu denken, können sie so unsinnige Bücher schreiben, wie der jetzige Oscar Hertwig. Der Unterschied ist nur der, daß für ein Buch wie sein zweites, nicht Gedankenleichname notwendig gewesen wären. Für die naturwissenschaftlichen Bücher sind nur Gedankenleichname notwendig; für Bücher von der Art des zweiten wären lebendige Gedanken notwendig gewesen. Die hat er nicht! Das ist aber nötig, solche Gedanken wirklich zu lieben, in ihnen leben zu können. Denn in dem Augenblick, wo man als hier Zurückgebliebener wirklich eine Brücke schlagen will zu dem, der durch die Pforte des Todes gegangen ist, und mit dem man karmisch verbunden war, in diesem Augenblick braucht man wenigstens eine Gesinnung, die zum Leben in Gedanken hinneigt. Hat man diese Gesinnung, so sind die Gedanken der Zurückgebliebenen für den Toten wirklich eine ganz besondere Zugabe zum Leben und ändern viel, unendlich viel an dem Dasein derjenigen Menschen, die zwischen Tod und neuer Geburt stehen. Aber, wenn allerdings in den Menschenseelen ein unbestimmtes Gefühl von allem leben würde, wovon die Toten die Meinung haben, es sollte auf der Erde anders sein, als es ist, dann würden die Lebenden an diesem Gedanken wenig Beseligung haben. Ein solches unbestimmtes Gefühl ist vorhanden. Die Menschen fürchten, es könnte die Meinung der Toten über manches herauskommen, was die Menschen im physischen Leben denken und empfinden, tun und meinen. Nur wird diese Furcht nicht bewußt, aber sie hält die Menschen im Materialismus befangen. Denn das Unbewußte, wenn es auch nicht bewußt wird, ist doch wirksam. Man muß mit dem Denkermut nicht nur das durchseelen, was bewußtes Vorstellungsleben ist, sondern auch die tiefsten Tiefen des menschlichen Wesens. Das muß immer wieder und wieder gesagt werden, wenn Geisteswissenschaft in vollem Ernst aufgefaßt werden soll. Denn nicht darauf kommt es an, daß man den einen oder andern Satz auffaßt, das eine oder andere interessant oder für sich wichtig findet, sondern darauf, daß alle die Einzelheiten, so wie ein Organismus sich aus vielen Einzelheiten zusammenfügt, für den Menschen sich zusammenbilden zu einer Gesamtverfassung der Seele, die man für unsere Zeit doch nur immer so charakterisieren kann, wie ich es von den verschiedensten Gesichtspunkten aus versucht habe. Es ist durchaus notwendig, daß sich einige Menschen in unserer Gegenwart finden, welche die Geisteswissenschaft von diesem Gesichtspunkte aus ernst zu nehmen wissen: daß sie unserer Zeit ein bewegliches, lebendiges Gedankenleben gibt, daß nicht einer über den andern herfällt, obwohl sie ganz einverstanden sind, also auch gar kein Grund vorhanden ist, zu bellen, wenn jemand etwas vom Horoskop sagt. Man schaut dann die Sache gar nicht ordentlich an.

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