Vierzehnter Vortrag
Wir wissen aus früheren Pfingstbetrachtungen, daß das Allerwichtigste an dem Pfingstereignis dies ist, daß ein gemeinsames Leben derjenigen, die an dem großen Osterereignis der Menschheit teilgenommen haben, sich individualisierte. Die feurigen Zungen gingen auf das Haupt eines jeden hernieder, und ein jeder lernte in derjenigen Sprache, die keiner andern Sprache gleich und deshalb allen verständlich ist, dasjenige auffassen, was als Mysterium von Golgatha durch die Menschheitsentwickelung hindurchgeströmt ist. Die feurigen Zungen gingen auf das Haupt eines jeden hernieder. Es war schon früher so, daß die Seelen der einzelnen Jünger sich fühlten wie, man könnte sagen, in einer Gesamtaura des Mysteriums von Golgatha. Dann ging ihnen durch das Pfingstereignis dasjenige, was sie nur durch ihr Gemeinschaftsleben erkennend wußten, in die Einzelseele so über, daß jeder einzelne von sich aus die Erleuchtung hatte. Das ist das Wichtigste, natürlich in abstrakter Form ausgesprochen. Man muß diese Individualisierung der Osterbotschaft durch die Pfingstverkündigung in der Seele erfühlen, wenn man sie im richtigen Sinne verstehen will. Dann aber hat man gerade die Möglichkeit, das, was durch die Geisteswissenschaft gewollt wird, so recht im Sinne dieser Pfingstverkündigung aufzufassen. Denn als ein Hervorstechendstes wird ja in dieser Geisteswissenschaft gewollt, daß eine jede Menschenseele in sich selbst den Geisteskern ihres Wesens finde, der sie erleuchten kann über die anzustrebenden Weltenziele. Dadurch soll sich das Zukunftsleben der Menschheit entwickeln, daß die Menschen weniger darauf angewiesen sind, immer auf das hinzu[sehen], was ihnen an gemeinschaftlicher Struktur, an sozialer Struktur gegeben ist, sondern darauf wollen wir hoffen, daß die Menschen reif und fähig werden, jeder aus sich heraus ein solches Leben zu führen, daß der andere neben ihm ein gleiches Leben führen könne. Dann wird eine innere Toleranz die Seelen ergreifen, und in der sozialen Struktur wird die Freiheit verwirklicht werden können. Auf keine andere Weise ist die Freiheit in der Welt zu verwirklichen, als auf diese, das heißt auf keine andere, als indem die Pfingstbotschaft übergeht in die einzelnen Menschenseelen.
Cite:
GA 181/1918-05-21/p004 · edition original