Vierzehnter Vortrag
Erinnern wir uns an die Hauptpunkte unserer geisteswissenschaftlichen Forschung, so werden Sie überall finden, daß diese geisteswissenschaftliche Forschung gerade darauf beruht, daß übersinnliche, geistige Wirklichkeit in des Menschen Seele hereinfließt. Sie läßt uns erkennen, diese Geisteswissenschaft, daß im Laufe der Menschheitsentwickelung fortwährend geistiges Leben in die Menschen einströmt, daß jedoch das, was auf Erden geschieht, insofern nur ein Fortschritt ist, als die Menschen das, was aus der geistigen Welt in sie einströmt, zum äußeren Dasein zu erwecken verstehen. Aber ein solcher Gedanke müßte eigentlich unser ganzes Fühlen und Empfinden durchdringen können. Wir müssen ihn vor allen Dingen in Zusammenhang bringen können mit dem, was uns zum Beispiel als Geschichtswissenschaft bekannt ist, und wir müßten ihn dann von diesem Gesichtspunkte aus auf die Gegenwart anwenden können. Wir müßten uns zum Beispiel fragen können, aber mit Ernst fragen können — diese Dinge sind natürlich Hypothesen, aber sie führen auf Wirklichkeiten in einem realen Gedankenleben -: Was wäre geworden, wenn etwa Kolumbus oder irgend jemand anderer, der wesentlich mit der Entwickelung der neueren Menschheit verbunden ist, zum Beispiel Gutenberg, der Erfinder der Buchdruckerkunst, oder sagen wir selbst Luther, im 9. oder im 8. Jahrhundert, kurz, zu einer andern historischen Zeit geboren worden wären? Was wäre dann mit denjenigen Persönlichkeiten geworden, die diese Namen tragen? - Ganz gewiß wären sie, wenn sie in andere Zeiten geboren worden wären, dasjenige nicht geworden, als was sie uns heute in der Geschichte erscheinen, Natürlich kann das nicht sein, die Weltenentwickelung hat ihr Karma; aber die hypothetische Betrachtung einer solchen Sache führt auf Wirklichkeiten. Sie wären wahrscheinlich Persönlichkeiten geworden, von denen die äußere Geschichte nicht spricht. Aber dennoch können Sie sich auf der andern Seite nicht vorstellen, daß in solchem Falle im Herannahen der neueren Zeit zum Beispiel die Buchdruckerkunst nicht erfunden worden wäre, und daß im Heraufkommen dieser neueren Zeit die Reformation nicht gekommen wäre, können Sie sich auch nicht vorstellen. Daraus aber ersehen Sie, daß die Hauptsache das ist, daß wir auf das hinblicken, was aus der geistigen Welt heraus der Menschheit sich mitteilt, und daß wir lernen, in einem viel größeren Maße noch als es die Gegenwart überhaupt vermag, den Menschen als ein Instrument anzusehen, durch welches das Geistige aus der geistigen Welt in das Erdenleben hereintritt.
Cite:
GA 181/1918-05-21/p008 · edition original