Vierzehnter Vortrag
Der Sinn dieser Pfingstverkündigung ist aber zugleich noch etwas anderes, und das ist das Wichtigste: die Bekräftigung dessen, daß der Mensch seinen Wert dadurch nicht verliert, daß er für den fortwährend in die Menschheit hineinfließenden Geist ein Instrument bildet. Dann behält also der Mensch trotzdem seinen persönlichen Wert. Das ist etwas, was man heute nicht nur theoretisch einsehen kann, sondern demgegenüber es notwendig ist, die Lebenskonsequenzen zu ziehen und es überzuführen in die Art, wie man denkt über Staatenbildung, über Moral und gesellschaftliches Leben. Darauf kommt es an, daß ein Gedanke weckend ist, und ein Aufwecken war es ja, als sich die Flammen auf das Haupt eines jeden einzelnen der Jünger heruntersenkten. Und ein Verschlafen der Zeitereignisse, das heute nur zu furchtbar verbreitet ist, ist ein Sich-Versündigen gegen die Zeitereignisse. Man kann aber in dem Entwickelungszyklus, in dem wir jetzt angekommen sind, ganz unmöglich zu einem Aufwachen gegenüber den Ereignissen kommen, wenn man nicht mit einer gewissen inneren Beweglichkeit des Seelenlebens die Ereignisse betrachtet, wenn man nicht vermag, Wesentliches, Richtiges zu unterscheiden von Unwesentlichem und Unrichtigem. Was uns heute überflutet, besonders an Zeitungslektüre, das kann nicht so aufgenommen werden, daß alles gleich ist; sondern in tausend Buch- oder Zeitungsspalten können zwei Zeilen sein, die von ungeheurer, wesentlicher Bedeutung sind, die hindeuten urphänomenal bezeichnend — wenn ich den Goetheschen Ausdruck gebrauchen will - auf das, was eigentlich vorgeht. Und das andere kann alles verschwendete Druckerschwärze sein. Worauf es ankommt, das ist, daß man eine innere Empfindung in sich auferwecken muß gegenüber dem Wichtigen und Wesentlichen und gegenüber dem Unwichtigen und Unwesentlichen. Diese Empfindung ergibt sich in der Seele, wenn man unbewußt das gewinnt, was einem in der Gegenwart entgegentritt an großen Weltenperspektiven, welche die Geisteswissenschaft eröffnen kann. Er soll nur dies in sein Empfinden einfügen, soll nur versuchen, allmählich so zu fühlen, wie er fühlen wird, wenn die Geisteswissenschaft in ihm lebendig wird. Es ist dann allerdings notwendig, daß man sich das innere Vertrauen zu dem, was man gewissermaßen innerlich erfühlt, in einem viel größeren Maße verschafft, als es heute die Menschen gewohnt sind. Wer nämlich erwartet, daß sich das, was er heute bekommt, gleich morgen an weithin leuchtenden Ereignissen zeigt, der wird in der Regel nicht zurechtkommen mit einer wahren Beobachtung. Es kann etwas richtig sein, aber es können sich die Ereignisse kaschieren, daß dies vielleicht erst in einer fernen Zukunft zum Ausdruck kommt. Aber dafür ist es notwendig, daß wir uns in einer richtigen Weise in die Welt hineinstellen, dafür ist es wichtig, daß wir richtige Vorstellungen haben über das, was geschieht.
Cite:
GA 181/1918-05-21/p011 · edition original