{"corpus":"steiner","locus":"GA 181/1918-05-21/p017","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Heute glauben wir ja aus den Entwickelungstendenzen der Menschheit heraus, die ich öfter angeführt habe, daß wir mit dem zwanzigsten Lebensjahre im allgemeinen unser Leben bis zur Vollendung getrieben haben. Wir glauben, daß wir in den Zwanzigerjahren reif sind, in eine Stadtverordnetenversammlung, in die Parlamente und dergleichen gewählt zu werden, weil wir da eben über alles entscheiden können. Jene Zeiten glauben ja die Menschen längst überwunden zu haben - die aber, wie wir wissen, vorhanden waren -, wo man auf ein höheres Alter gewartet hat, in der Voraussetzung, daß jedes neue Jahr des Lebens auch neue Offenbarungen bringt. Für das Kind erwarten wir heute, wenn die Geschlechtsreife eintritt, daß auch die Seelenfähigkeit sich umändert. Wenn auch nicht in so radikaler Weise, so tun wir das doch für die andern Jahre der Kindheit. Wir schauen der Entwickelung zu und sind überzeugt: Bis in die Zwanzigerjahre entwickelt sich das Menschenleben. Aber dann hören wir auf, weiter an ein Entwickeln zu glauben. Wir denken, wir seien fertig; wir erwarten von den späteren Jahren des Lebens nicht, daß in jedem neuen Jahre uns neue Offenbarungen kommen. Wir können es auch nicht, wenn wir bei den gewöhnlichen Anschauungen bleiben. Aber wir wissen, daß die Menschheit im Laufe der Entwickelung immer jünger wird, und heute wird sie nicht älter als siebenundzwanzig Jahre. Dann gibt die leiblich-körperhafte Entwickelung nichts mehr her. So muß das, was zur Weiterentwickelung beitragen soll, aus dem Geiste geholt werden. Aber wenn es aus dem Geiste geholt wird, verbindet es sich mit unserer Seele. Fragen Sie nur einmal, wie wenige Menschen dies heute zugeben werden, daß wenn Sie heute ein zweiundzwanzigjähriger junger Dachs sind, und dann fünfundvierzig Jahre alt werden, sich einfach dadurch, daß man im höheren Alter eben anderes durchmacht als in der Jugend, mit fünfundvierzig Jahren durch innere Offenbarung etwas ergeben kann, was sich früher nicht hätte ergeben können. Wer glaubt denn an die Produktivität, an die Fruchtbarkeit des Alters? Und weil man daran nicht glaubt, deshalb ist sie auch nicht da; denn man ist nicht darauf aufmerksam, wie jedes neue Jahr auch neue Offenbarungen bringt. Aber bedenken Sie, wieviel sich im Menschenleben dadurch ändern würde, wenn dieser Glaube wirklich allgemein würde, wenn alle Menschen glauben würden: Ich muß warten auf das Älterwerden, dann werde ich durch mich selbst Dinge erfahren, die ich früher nicht habe erfahren können. Erwartungsvolles Leben, hoffnungsvolles Leben - wo ist es denn heute? Aber solch ein Gedanke, solch eine Empfindung, übergegangen gedacht in das menschliche Gemeinschaftsleben: Denken Sie einmal, was für eine ungeheure Bedeutung dieses hätte! Welche ungeheure Bedeutung es hätte, wenn zu all den verschiedenen «Gleichheitsdemolierungen» — möchte ich es nennen -, die in der heutigen Zeit spielen, im Zusammenleben der Menschen das Bewußtsein hinzukäme: Einfach dadurch, daß man vierzig Jahre alt geworden ist, kann man etwas erfahren haben, was man mit siebenundzwanzig Jahren noch nicht erfahren kann. Denken Sie, wie dann ein Siebenundzwanzigjähriger zu einem Vierzigjährigen stehen könnte, wenn das eine naturgemäße Empfindung wäre! Natürlich kann es heute nicht sein, weil heute oft die Siebzigjährigen nicht älter sind als siebenundzwanzig, und oft gerade die Repräsentativsten nicht älter sind — und es nicht bemerken. Also man kann es heute nicht als eine reale Forderung verlangen.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Vierzehnter Vortrag","site_heading":null,"date":"1918-05-21","location":null,"word_count":530,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/181/1918-05-21/p017","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/181/1918-05-21/p017"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/181/1918-05-21/p017","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}