Vierzehnter Vortrag
Was liest man heute in den «Faust»-Erklärungen, was haben die Leute im Bewußtsein, wenn sie auch von dieser Sache, die ich da meine zwischen Wagner und Faust, sprechen? Sie brauchen sich nur an die wahnwitzigen Deklamationen mancher «Fäuste» zu erinnern und an die abgeschmackten Töne, die von den «Wagners» kommen, dann werden Sie eine Vorstellung bekommen von dem, was hier vorliegt, wenn man noch dazu immer nur denkt an den großen, in die Wolkenhöhen hinaufragenden Faust und an den pedantischen Wagner, der auf der Bühne auch noch immer so dargestellt wird, daß er ein bißchen humpelt und so weiter. Aber was liegt denn eigentlich vor? Faust verzweifelt an den verschiedenen Wissenschaften. Das betrachtet man ja zumeist schon als etwas Allertiefstes, obwohl es eigentlich im Grunde genommen für viele Menschen, die gar nicht sehr tief sind, heute schon eine Trivialität ist. Aber was betrachtet man nicht alles als Tiefstes? Wie oft hört man gegenüber mancherlei andern Forderungen an ein Begreifen der Geisteswelt die aufstellen, man solle sich doch an die tiefsten Faust-Gedanken halten, zum Beispiel von dem Allerhalter, der mich und dich und sich selbst faßt und erhält, in dem Gespräch Fausts mit Gretchen. Man bedenkt nicht, daß doch Faust diese Worte dem sechzehnjährigen Gretchen sagt und sie auf deren Verstand und Empfindungsweise münzt. Die ganze Menschheit läßt sich gerne katechisieren, indem sie sich auf den Standpunkt des sechzehnjährigen Gretchens herunterschraubt. Auch Philosophieprofessoren habe ich schon kennengelernt, die diese Gretchen-Katechismen als die höchste Weisheit hinstellen. - Aber auch das ist es nicht am Anfange der Dichtung, daß Faust an allen Wissenschaften verzweifelt. Sondern der springende Punkt liegt darin, daß Faust sich abwendet von dem, was sich ihm offenbart von dem Zeichen des Makrokosmos, der ganzen Welt. Er will zunächst nichts wissen von den Beziehungen des Menschen zu dem ganzen umfassenden großen All. Er wendet sich zum Erdgeist, zu dem, was ihm offenbaren will, was der Mensch nur aus den Kräften der Erde hat. Was sich ihm aus dem Makrokosmos offenbart, das ist ihm ein Schauspiel, «aber ach, ein Schauspiel nur!» Da wendet er sich ab. Aber der Erdgeist weist ihn von sich. Faust glaubte durch den Erdgeist irgend etwas ergreifen zu können, was mit seinem tiefsten Wesen zusammenhängt. Der Erdgeist bringt ihn zum Niederstürzen. Und dann die Worte: «Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir!»
Cite:
GA 181/1918-05-21/p020 · edition original