Vierzehnter Vortrag
Goethe hatte die Tradition der Faust-Sage, die Tradition der nordischen, deutschen Mythe. Da war der Mephistopheles da. Aber in dem Augenblick, da er, gedrängt durch Schiller, den «Faust» weiterführt, da wird Mephistopheles - Goethe bringt es sich nicht recht zum Bewußtsein — eine Figur, die ihn innerlich wurmt, mit der er nicht recht zu Rande kommt. - Jakob Minor, der auch ein «Faust»-Erklärer ist und manches Geistreiche gesagt hat, hatte eine merkwürdige Erklärung dafür gefunden, daß Goethe gar nicht vorwärtskam, als er den «Faust» wieder aufnahm. Er meint nämlich, daß Goethe, als er gegen die Fünfzigerjahre stand, alt geworden wäre. Ich möchte nur wissen, wie es sein sollte, daß man überhaupt einen «Faust» schreiben könnte, wenn die Dichterkraft mit den Fünfzigern versiegen würde und man doch die Kräfte der Jahre nach fünfzig auch in die Dichtung hineinbringen müßte, wenn nicht dem Menschen Jugendkraft erblühen könnte aus einem Leben, wie es Goethe zu führen verstand. Aber Mephistopheles wurmte in seiner Seele, instinktiv wurmte er ihn. Und der ließ ihn nicht weiterkommen, weil der Konflikt Faust-Mephistopheles nicht recht ging. Goethe hatte einmal den Faust an die größten Menschheitsfragen herangeführt, und das ging jetzt nicht mit dem Mephistopheles. Dieser hatte einen luziferischen Charakter angenommen. Da hat man es nur mit den Kräften zu tun, die aus dem Gefühls- und Empfindungsleben herauskommen. In dem Augenblick aber, wo Goethe den «Prolog im Himmel» entwickelt, da steht Faust dem Makrokosmos gegenüber. Da geht es nicht mehr, daß man Faust bloß mit denjenigen Mächten kämpfen läßt, die im Inneren des Menschen leben; da geht es nicht mehr, dem Mephistopheles bloß den luziferischen Charakter zu lassen. Das spürte Goethe. Und wirklich nicht, um pedantisch zu werden, sondern um auf Wichtiges hinzuweisen, möchte ich auf einige Kleinigkeiten aufmerksam machen. Denken Sie, daß der Herr im «Prolog im Himmel» sagt:
Cite:
GA 181/1918-05-21/p026 · edition original