Vierzehnter Vortrag
Und erinnern Sie sich an den Schluß, wo er sich um den Leichnam wahrhaftig ernst genug bemüht. Was liegt da vor? Das, daß Goethe spürte: was er von der Mythe, von der Faust-Sage empfangen hatte als die einheitliche Mephistophelesfigur, das spaltet sich, wenn man hinausgeht in den Makrokosmos, in zwei. In Goethe lebte es, zwiespältig zu empfinden: luziferisch und ahrimanisch. Er ist dann darin nicht weitergekommen, weil es Geisteswissenschaft zu seiner Zeit noch nicht gab. Aber das brachte ihn zum Stocken. Als er jedoch später makrokosmisches Geschehen und Menschheitsgeschehen zu verbinden hatte in. der «Klassischen Walpurgisnacht», und am Schlusse, wo sich makrokosmisches Allgeschehen und Menschheitserleben in eins verweben, da mußte sein Mephistopheles einen ahrimanischen Charakter annehmen. Das ist ihm bis zu einem hohen Grade gelungen. Aber alles eigentlich, was Goethe selbst über sein persönliches Verhältnis zu seinem «Faust» gesagt hat, steht unter dem Eindruck: Es geht nicht weiter. Wenn man von dem mittelalterlichen, pedantischen, aber trotzdem volkstümlichen Drama den Faust auf die große Weltenbühne hinausstellt, so hat man nötig, den Mephistopheles zu spalten in ein luziferisches und ein ahrimanisches Wesen. Deshalb wollte es bei Goethe nicht weitergehen. Es ist ihm dann gelungen — selbstverständlich will ich Goethe nicht korrigieren -, indem er sich immer mehr dem zweiten Teile der Dichtung näherte, seinem Mephistopheles ahrimanische Züge zu geben. Ein luziferisches Wesen liebt die «vollen frischen Wangen»; ein ahrimanisches hat es mit dem «Leichnam» zu tun, weil es mit dem, was wir in unserem Wahrnehmungsvermögen erleben, auch unser Bewußtsein zwischen Geburt und Tod durchdringt. Gerade wenn man eine Persönlichkeit ansieht wie die Goethesche, so erkennt man, wie eine solche Persönlichkeit die Jugendkräfte beibehält, aber mit diesen Jugendkräften immer neue und neue Lebenserfahrungen macht. Nicht weil er alt geworden war, ist das eingetreten, was in einer so merkwürdigen Weise für das Ende der Neunzigerjahre des 18. Jahrhunderts aus Goethes Lebensgeschichte hervorgeht, sondern weil er eine Krisis durchmachte, die gewisse Kräfte seiner Jugend zu neuer Auferstehung brachte, sie auferstehen ließ, sie ihn recht als Pfingstwunder erleben ließ. Was ich jetzt über «Faust» gesagt habe, ist weiter ausgeführt in der Schrift, die jetzt wieder erscheinen soll: «Goethes «Faust» als Bild seiner esoterischen Weltanschauung». Diese soll den ersten Teil eines demnächst erscheinenden Büchelchens bilden: «Goethes Geistesart»; der zweite sollen Goethes Gedanken über seinen «Faust» sein, und der dritte Teil einige Gedankenausführungen über das «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie».
Cite:
GA 181/1918-05-21/p030 · edition original